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Im italienischen Krankenhaus : Klinikkarte 2016015837

Krankenhaus heißt ospedale – hier in Bozen steht es zweisprachig, weiter im Süden sollte man dieses Wort sicherheitshalber selbst kennen. Bild: Picture-Alliance

Unser Autor nahm eine nicht ganz freiwillige Stichprobe des italienischen Gesundheitswesens durch einen Tag im Krankenhaus von Trapani. Umso größer war die Überraschung über die sizilianischen Verhältnisse dort.

          Es ist der erste heiße Tag in diesem Sommer, der Scirocco fegt über den Westen von Sizilien, das Thermometer schießt auf 45 Grad. An der Nordküste werden innerhalb von 36 Stunden fünfhundert Brandherde registriert, „das kann in dieser Häufung kein Zufall sein“, erklärt Rosario Crocetta, der Präsident der Region Sizilien, und vermutet Machenschaften der Mafia dahinter.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          In Cefalù geht der Club Méditerranée in Flammen auf, in Palermo werden die Parks geschlossen und der öffentliche Nahverkehr eingestellt, über der Stadt brummen die gelb-roten Flugzeuge der Feuerwehr, Autobahnabschnitte werden gesperrt, Flüge umgeleitet und am Monte Pellegrino zweihundert Menschen aus ihren Häusern evakuiert.

          In Trapani bläst der sandige Wind der Sahara. Das Menü am Vorabend war üppig und schwer gewesen, allein die schier endlose Folge der Antipasti hätte gereicht, um satt zu werden, und dann die köstlichen sizilianischen Dolci! Zu viel gegessen, zu wenig getrunken, Kreislaufprobleme, der Blutdruck im Keller, „Herzrhythmusstörungen“, diagnostiziert die Ärztin an meiner Seite: „Da möchte ich doch, bevor wir weiterfahren, ein EKG sehen.“ Dagegen kann auch das abgedroschenste aller Vorurteile nichts ausrichten: „Aber das weiß doch jeder, dass die medizinische Versorgung je weiter südlich desto schlechter ist.“ Also ab ins Krankenhaus.

          „Nur Germania“

          Das Ospedale Sant’Antonio Abate liegt im neuen Teil von Trapani, in der Nähe der Talstation der Seilbahn, die hinauf nach Erice schwebt, eine moderne Bettenburg mit neun Geschossen, die die uniformen ockergelben Wohnblöcke des Neubauviertels, die hier auch nicht anders aussehen als in Palermo, Parma oder Pisa, überragt. „Pronto soccorso“ zeigt ein Schild in eine Auffahrt, die an der Schmalseite des Gebäudes hinauf zur Notaufnahme führt; dass sie nicht nur mit Blaulicht, sondern auch von einem Fußgänger erreicht werden kann, hat der Architekt damals offenbar nicht bedacht.

          Wir betreten das Krankenhaus durch den Haupteingang, wo das Gedränge der Patienten nicht erkennen lässt, ob und wie sie Schlange stehen. Ein älterer Herr beantwortet meinen fragenden Blick mit „Ich bin hier Arzt“ und weist den Weg zur Notaufnahme: „Die Treppe hinauf, dann links, durch die Tür, der Eingang liegt gegenüber.“

          Am „Triage“, so das Schild über dem Empfang, ist nur einer vor mir. Noch ehe der Krankenpfleger im weinroten Kittel meine Personalien aufnimmt, misst er meinen Blutdruck, Puls und Sauerstoffgehalt: „Ist doch gar nicht so schlecht.“ Dann erfragt er Name, Vorname, Geburtsdatum, doch keine Adresse, nur „Germania“ – und die Mobilnummer.

          Vom „sitzen, liegen, stehen“

          Weiß, grün, gelb und rot sind die Farben der vier Dringlichkeitskategorien, die als Wege auf den Boden gemalt sind, ich werde auf gelb, die zweithöchste, eingestuft und auf eine Liege verfrachtet, und schon schiebt mich eine Krankenschwester durch endlose Gänge, vorbei an Untersuchungs-, Kranken- und Wartezimmern, vor denen Patienten mit bandagierten Händen, Nasentamponaden, Augenbinden und ganz unarabischen Turbanen sitzen, in die Räume der Notfallambulanz, wo mir ein EKG geschrieben, ein venöser Zugang gelegt, Blut abgenommen und eine Infusion mit einem Magenmittel angelegt wird. Die technische Ausstattung ist auf dem allerneuesten Stand.

          Nach einer halben Stunde werde ich der diensthabenden Ärztin vorgestellt. Dottoressa Rosa Pollina, eine kleine, energische Mittvierzigerin, sitzt in einem winzigen Zimmer an einem winzigen Schreibtisch vor einem Computer und fragt mich, ob ich Italienisch verstehe, welche Beschwerden ich habe und betastet meinen Bauch. „Haben Sie Gallensteine?“ – „Nein, nicht, dass ich wüsste!“ – „Sind Sie das erste Mal in Sizilien?“ – „Nein, das siebte oder achte Mal.“ – „Oh, das ist ja schön. Und woher in Deutschland kommen Sie?“ – „Aus Köln.“ – „In Köln war ich noch nie. Im August war ich in Berlin.“ – „Und wie hat es Ihnen gefallen?“ – „Wunderbar, eine ganz wunderbare Stadt.“ Ihre Augen leuchten.

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