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Literaturnobelpreis : Unanfechtbar

Die Kanadierin Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis Bild: AFP

Stockholm hat bei der Vergabe des Literaturnobelpreises den sichersten Weg gewählt. Alice Munro ist mit keiner der großen politischen Fragen in Verbindung zu bringen. Und ihre literarische Qualität ist unanfechtbar.

          Die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2013 wurde dreizehn Jahre nach dem Ende des Ersten und vierzehn Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Die Kanadierin Alice Munro ist ein Kind der Zwischenkriegszeit, aufgewachsen in den Jahren der Großen Depression. Viele ihrer Erzählungen, die weltweit gelesen und von Schriftstellerkollegen wie Richard Ford und Judith Hermann gerühmt werden, atmen die Atmosphäre der Nachkriegszeit, jener fünfziger und sechziger Jahre also, in denen Alice Munro heiratete und drei Töchter großzog, die sie auf den täglichen Mittagsschlaf einschwor, um wenigstens ein oder zwei Stunden Zeit zum Schreiben zu finden. So entstanden Erzählungen, die immer besser wurden, bis sie schließlich zum Besten zählten, was je in diesem Genre geschrieben wurde.

          Ein eigenes Arbeitszimmer hat sie nie besessen. Alice Munro führt dies darauf zurück, dass sie in einer Zeit zur Schriftstellerin wurde, als dies kein Beruf für Frauen war: Männer waren Schriftsteller, hat sie einmal gesagt, Frauen nicht. Frauen schrieben heimlich. Jetzt ist die Frau, die heimlich schrieb, der vierte weibliche Literaturnobelpreisträger in diesem Jahrhundert. Zum ersten Mal seit 1993 erhält wieder eine literarische Stimme aus Nordamerika den Literaturnobelpreis. Damals wurde mit der gleichaltrigen Toni Morrison die erste farbige Autorin ausgezeichnet: ein politisches Signal, das weltweit Beachtung fand. Und heute?

          Was die literarische Qualität betrifft, ist die Wahl Alice Munros unanfechtbar. Anders als bei den Entscheidungen für Dario Fo, Elfriede Jelinek oder die Chinesen Gao und Mo Yan wird es keine Proteste geben. Dass Stockholm schon wieder einen Bogen um Roth, Pynchon und DeLillo, die größten literarischen Stimmen Amerikas, gemacht hat, bleibt lächerlich. Aber davon einmal abgesehen, hat Stockholm wohl den denkbar sichersten Weg beschritten. Alice Munro ist, anders als ihre Kollegen Swetlana Alexijewitsch, Adonis und Assia Djebar, mit keiner der großen politischen Fragen unserer Gegenwart in Verbindung zu bringen. Die Akademie war offenbar entschlossen, die Debatte um den Literaturnobelpreis in diesem Jahr zu entpolitisieren, und würdigt deshalb eine große Autorin unserer Zeit, deren Werk aus Alltagsgeschichten besteht, die von dem erzählen, was immer schon ganz einfach und unendlich kompliziert zugleich war: menschliches Glück und Unglück.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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