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Umstrittener französischer Komiker : Dieudonné gibt keine Ruhe

Ideologie irgendwo zwischen Vichy und Kolonialismus: Dieudonné Bild: AP

Er hat den Hitlergruß mit Stinkefinger erfunden und macht mit antisemitischen Äußerungen von sich reden. Jetzt droht Frankreichs Innenminister dem farbigen Komiker mit einem Auftrittsverbot.

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          Das ganze Land steht im Banne einer Geste - „la quenelle“ wird sie genannt und sieht aus wie ein umfunktionierter Hitlergruß mit Stinkefinger. Der linke Arm wird dem Körper entlang nach unten gestreckt, die Hand des rechten berührt das Herz. Le Pen hat so im Europaparlament gegrüßt, Nicolas Anelka vor kurzem auf dem Fußballplatz in England. Sein Torjubel machte die Geste über Frankreich hinaus bekannt. Lanciert hat die Mode aber der schwarze Komiker Dieudonné.

          Verkörperung eines rot-braunen Sumpfes

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dieudonné ist die Symbolfigur einer diffusen französischen Revolte, die sich als „Protest gegen das System“ versteht. Sie bleibt keineswegs auf die Jugend der multikulturellen Vorstädte beschränkt und wurde zum Sammelbecken vieler Strömungen. Ausgangspunkt ist die Vorstellung der Schwarzen, dass der Sklavenhandel nicht die gleiche Anteilnahme erfahre wie die Schoa, deren Aufarbeitung und Gedenken seit drei Jahrzehnten die französische Kultur prägten. In Dieudonnés wirrer Ideologie vermischen sich Vichy und der Kolonialismus. In ihr erkennen sich Schwarze und militante Muslime, Rassisten und Antifaschisten, extreme Linke und extreme Rechte. Dieudonné ist die Verkörperung eines rot-braunen Sumpfs.

          Er ließ sich in Iran und jüngst in Syrien feiern, wo er im Voraus gegen einen allfälligen Angriff auf Baschar al Assad protestierte. Kurz vor Weihnachten verhöhnte er den Journalisten Patrick Cohen, der beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet: „Wenn ich an Cohen denke, kommen mir unweigerlich die Gaskammern in den Sinn, eigentlich schade.“ Andererseits soll es Gaskammern aber gar nicht gegeben haben, denn Dieudonné hält sich an die abstrusen Lügen des Auschwitz-Negationisten Robert Faurisson, den er in KZ-Kleidung auf die Bühne holte. Den Hit einer bekannten Schlagersängerin verhunzte er zu „Shoah Girls“. Zu Zehntausenden von Euros ist er deswegen schon verurteilt worden. Jetzt hat der Innenminister angekündigt, dass er Dieudonnés Auftritte verbieten will. Sogar Staatspräsident François Hollande musste sich zum Neujahr über seine Provokationen äußern - eindeutig antisemitische.

          Verbot oder nicht?

          „Quenelles“ sind eine französische Spezialität, die man nach verschiedenen Rezepten zubereiten kann. Wie langgezogene Klöße oder Knödel sehen sie aus, Dieudonné will sie „dem System in den Hintern stecken“. Juristen sind der Ansicht, dass der „quenelle“ eine antisemitische Stoßrichtung nicht nachgewiesen werden könne. Gegen Dieudonnés stinkende Gesinnung gibt es überzeugendere Argumente und für seine übelsten Äußerungen genügend Gesetze. An sie sollte sich auch der profilierungssüchtige Innenminister halten, seine plötzlichen Drohgebärden sind überflüssig. Ein Verbot widerspricht der Tradition der Meinungsfreiheit auch für jene, die sie missbrauchen. An etwas ganz anderes sollte man die denkfaulen Möchtegern-Märtyrer aller Minderheiten, die dem Hass auf Frankreich und einer unsäglichen Konkurrenz der Opfer frönen, erinnern: dass die Aufklärung die Befreiung der Sklaven wie die Emanzipation der Juden in die Wege leitete.

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