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Umstrittener ARD-Krimi : Tatort mit Nachwirkungen

Inszenierte Unklarheit: Szene aus dem „Tatort: Der rote Schatten“ mit Elias Popp und Emma Jane Bild: SWR/Sabine Hackenberg

Der am Sonntag ausgestrahlte „Tatort“ über die RAF von Dominik Graf ruft heftige Kritik hervor. Stefan Aust spricht angesichts der gezeigten Mordkommando-These von „RAF-Propaganda“. Der SWR wiegelt ab.

          Der „Tatort“ aus Stuttgart vom vergangenen Sonntag stieß beim Publikum auf reges Interesse – und hat Kritik hervorgerufen. 9,27 Millionen Zuschauer haben den Film gesehen, in dem sich der Regisseur Dominik Graf mit der Geschichte der Terrorgruppe „Rote Armee Fraktion“ auseinandersetzte und sich dabei auf das Geschehen in der sogenannten „Todesnacht“ im Gefängnis Stuttgart-Stammheim konzentrierte, in der die inhaftierten Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen tot aufgefunden wurden.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Stefan Aust, Herausgeber der „Welt“, Terrorismus- und RAF-Experte, kritisierte den Film als „RAF-Propaganda“. Die ARD habe in dem Krimi Fakten und Fiktion vermischt. Es sei „gefährlicher Unsinn“, es so darzustellen, als habe der Staat die RAF-Terroristen auf dem Gewissen, der Film verbreite Verschwörungstheorien. „Es gibt keine ernstzunehmenden Zweifel daran, dass es Selbstmord war“, sagte Aust in der „Bild“-Zeitung. Das habe man auch innerhalb der RAF gewusst. Im „Tatort“ hingegen – der verschiedenen Szenarien durchspielt –, werde auch gezeigt, wie eine Geheimtruppe die Inhaftierten ermorde. „Das wird bei den Zuschauern hängen bleiben“, sagte Aust. Es sieht im ,Tatort‘ so überzeugend aus, weil die Szenen sich an den Tatortfotos orientieren. Ich halte das für sehr problematisch. Das ist RAF-Propaganda. Ich kann nicht verstehen, dass zur Hauptsendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so ein gefährlicher Unsinn verbreitet werden kann.“

          Geradezu undenkbar

          Kritisch äußerte sich in der FAZ.NET-Rubrik „Tatortsicherung“ auch der Politikwissenschaftler und Experte Wolfgang Kraushaar, Autor des Buchs „Die blinden Flecken der RAF“: „Gegen die Annahme einer von staatlichen Kommandos verübten Mordaktion“, so Kraushaar, sprächen „eine ganze Reihe von Indizien. Es habe schon seinerzeit keinen Sinn ergeben, anzunehmen, dass die RAF-Spitze im Moment ihrer größten Niederlage – die Geiseln der von Palästinensern nach Mogadischu entführten Lufthansamaschine „Landshut“ waren befreit worden – „von staatlicher Seite ermordet werden sollte“. Zudem sei die ebenfalls inhaftierte Irmgard Möller nur leicht verletzt gewesen. Es erscheine „geradezu undenkbar, dass ein Killerkommando eine Zeugin dieser angeblich verübten Mordaktion am Leben gelassen hätte.“ Zudem habe Brigitte Mohnhaupt eine Reihe von RAF-Angehörigen davon zu überzeugen versucht, „dass es sich um eine – so wörtlich – ,suicide action‘ gehandelt habe.“ Gegen die Mordthese sprächen auch noch weitere Indizien.

          Die Kritik am „Tatort“ aus Stuttgart wies der kommissarische Filmchef des Südwestrundfunks, Manfred Hattendorf, auf Anfrage zurück: „Dieser Tatort ist nicht pro RAF“, sagte Hattendorf. Er erzähle „von der schwersten gesellschaftlichen Krise der damaligen BRD nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu dieser Krise gehörten die aufwühlenden, kontroversen Deutungsarten der Vorgänge im Stammheimer Hochsicherheitstrakt.“ Der Regisseur Dominik Graf verstehe es „auf meisterhafte Weise, die unvereinbaren Positionen zum Deutschen Herbst miteinander ins Gespräch zu bringen.“ Der „Tatort“ beziehe „Position, ohne sich für eine Deutungsvariante zu entscheiden, was in der Nacht von Stammheim am 17. Oktober 1977 in den Zellen von Ensslin, Baader, Raspe und Möller passiert ist. Der Krimi erzählt auch auf allen anderen Handlungsebenen das Phänomen, dass es schwer zu entscheiden ist, was wann passiert ist. Das ist schwer auszuhalten – und so schafft der Tatort wieder einmal Gesprächswert über den Sonntagabend hinaus.“ Nach Meinung von Experten entbehrt die dargestellte Rätselhaftigkeit jedoch jeglicher Grundlage.

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