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Umgangsformen : Glorias Sitten gegen den Verfall

  • -Aktualisiert am

Bild: Falken

Wie ist es im Zeitalter vulgärer Talkshow-Kultur eigentlich um die guten Sitten bestellt? Gloria von Thurn und Taxis und Alessandra Borghese rücken alte Werte zurecht.

          Benimm ist die Voraussetzung kultivierter Kommunikation. Es geht um das Miteinander in Wort, Bild, Ton und Tat: Gespräche, Flirten, Floskeln, Kaugummi, Kuss und Krawatte. Dabei lautet die zentrale Frage: Wann mache ich den Mund auf, und wann zähle ich lieber bis zehn, um mir Ärger zu ersparen.

          Gloria von Thurn und Taxis und Alessandra Borghese haben die Regeln, die sie mit leicht provokantem Unterton „Unsere Umgangsformen“ nennen, nicht erfunden. Sie stehen in einer Tradition. Seit Adolf von Knigges „Über den Umgang mit Menschen“ aus dem Jahre 1788 sind nicht weniger als 750 Benimm-Titel in deutscher Sprache erschienen. Dabei geht es vor allem um die Gestaltung guter Gespräche: „Über ein Konversationsthema darf man nicht lange nachdenken. Die naheliegenden Dinge geben den besten Stoff. [...] Kunst, Literatur, Theater, Reisen sind stets ein willkommener Gesprächsstoff “ heißt es 1914 im „guten Ton“.

          E-Mail ist diskreter als telefonieren

          Mit den Gesprächsstoffen hat sich auch die Form ihrer Übermittlung gewandelt. So schwärmen die beiden jungen Fürstinnen von dem diskreten Charme des E-Mailings: „der ein oder andere Rechtschreibfehler ist sozusagen Teil der Online-Etikette, weil er verrät, dass man impulsiv und spontan mailt.“ E-mails sollte man schnell beantworten. Erst nach Tagen zu reagieren ist unhöflich.

          Als Hausgast ziemt es sich, ein Mitbringsel dabei zu haben. „Einen Bildband, eine Duftkerze oder etwas Passendes für die Einrichtung.“ In jedem Fall sollte man aber nicht mit einer ansteckenden Krankheit anreisen. Man sollte alle Umstände vermeiden, nicht darauf hinweisen, dass man Geburtstag hat und beim Tee oder Kartenspiel mit den Gastgebern, das Handy unbedingt auf Vibrieren stellen.

          Hoheiten haben immer Recht

          Man sollte in der Öffentlichkeit nicht einnicken. Das macht eine ungünstige Figur. Wenn man eine Rede hält, sollte der Applaus nicht nach Erleichterung klingen. Herren tragen Kniestrümpfe. Socken sind für Kinder da. Und wer seine Gäste im Bademantel empfängt hat gleich verloren. Es sei denn er ist Künstler. Die dürfen, nach Glorias Ansicht, herumlaufen wie sie wollen.

          Sollte einem zufällig eine Hoheit begegnen, muss man wissen: die haben immer Recht! Als Beispiel wird eine Passage aus „Tante Jolesch“ von Friedrich Torberg angeführt, in der sich ein Erzherzog in eine akademische Prüfung begibt: Professor: „Kaiserliche Hoheit, wie lange dauerte der Dreißigjährige Krieg?“ - „Sieben Jahre.“ - „Richtig! Damals wurde ja bei Nacht nicht gekämpft, womit bereits die Hälfte der Kriegszeit wegfällt. Auch an Sonn- und Feiertagen herrschte bekanntlich Waffenruhe, was abermals eine ansehnliche Summe ergibt. Und wenn wir jetzt noch die historisch belegten Unterbrechungen und Verhandlungspausen einrechnen, gelangen wir zu einer faktischen Kriegsdauer von genau sieben Jahren. Ich gratuliere!“

          Mahlzeit!

          Dankbar sind wir für die Auflistung der unpassenden Floskeln „sehr erfreut“, „Klo“, „Prost“, „Guten Appetit“, „Lebensgefährte“ und „Sie haben's aber nett hier“. Über Rudolf Augstein wird erzählt, er hasse das Wort „Mahlzeit“ so sehr, dass er zwischen 12 Uhr und 15 Uhr sein Büro nicht mehr verläßt.

          „Unsere Umgangsformen“ wurde mit exzellenten Fotografien von Elliott Erwitt und Martin Parr ausgestattet. Mit den nebenstehenden Erläuterungen zu Stichworten wie „Schlange stehen“, „Schmuck“ und „Sport“ ergeben sich unbeabsichtigt originelle Bildbeschreibungen. Wer keine Lust hat, Duftkerzen zu verschenken - dieses leicht geschriebene Buch wäre eine stilvolle Alternative.

          Werner Zillig, Bibliographie der Anstandsbücher 1788 bis 1999
          www.aaverlag.de/anstandsbuecher

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