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Umbrüche : Was kommt da auf uns zu?

  • -Aktualisiert am
Bevor alle Kurven nach unten zeigen, geht das System auf „slowing down“.
          9 Min.

          Ich weiß, es fällt schwer, aber versetzen wir uns einen Augenblick in die Lage von Zine el-Abidine Ben Ali. Wir sind jetzt seit dreiundzwanzig Jahren Präsident von Tunesien. An die Macht gekommen durch einen Putsch, der darin bestand, dass wir unseren senilen Vorgänger durch einen Arzt auch tatsächlich für senil erklären ließen, haben wir das Land seither vorsichtig modernisiert. Wir lassen die Leute wählen, setzen uns für die Emanzipation der Frauen ein, fördern die Bildung und orientieren uns am Westen, der allein schon wegen der Touristen für uns wichtig ist. Natürlich haben wir uns in dieser Zeit auch bereichert, haben unterdrücken, foltern und womöglich morden lassen, aber das hat jeder arabische Potentat und die meisten treiben es schlimmer. In Tunesien jedenfalls sind die Leute alles in allem gar nicht so unzufrieden damit, wie wir die Sache regeln, sagt jedenfalls unser Sicherheitsdienst.

          Da stellt sich am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid, einer unbedeutenden Provinzstadt in der Mitte des Landes, auf einmal ein junger Mann vor das Haus des örtlichen Gouverneurs, schüttet sich Benzin über den Kopf und zündet sich an. Er sei Gemüsehändler gewesen, heißt es, allerdings ohne Lizenz und immer wieder verwarnt, weswegen ihm die Behörden an diesem Tag Ware und Waage abnahmen. Aus Protest dagegen habe er sich angezündet. Als man ihn ins Krankenhaus bringt, kommt ein Verwandter hinzu, nimmt die Szene mit der Handykamera auf und schneidet sie mit den Bildern der Schaulustigen zu einem Filmchen zusammen, den er ins Internet stellt. Am Abend läuft er schon im Fernsehen, auf Al Dschasira, und von da an kommt es überall zu Protesten, die bald die Hauptstadt Tunis erreichen, von wo aus wir, Zine el-Abidine Ben Ali, all das nur mit Staunen verfolgen können.

          Der Diktator und die Mumie

          Und nun stehen wir hier, im Krankenhaus von Ben Arous, vor uns der Gemüsehändler, Mohammed Bouazizi ist sein Name, er ist sechsundzwanzig Jahre alt, seine Haut fast vollkommen verbrannt, sein Körper so verbunden, dass er eher einer Mumie gleicht. Er kann nicht sehen, nicht sprechen, sich nicht bewegen, wahrscheinlich weiß er nicht einmal, dass wir an seinem Bett stehen. Es gibt ein Foto von diesem Besuch, wir haben dafür gesorgt, dass es gemacht und veröffentlicht wird. Es soll die Massen beruhigen, unsere Anteilnahme zeigen, aber es zeigt nur unsere Ratlosigkeit.

          Wie kann es sein, dass sich unser Schicksal als Diktator auf einmal mit dem eines unbekannten Gemüsehändlers verbindet?

          Wir bieten seiner Familie an, den Jungen in Frankreich behandeln zu lassen, aber das uns beiden nützt nichts mehr. Er stirbt drei Tage später. Zehn Tage später müssen wir aus dem Land fliehen. Mitten im Winter hat der Arabische Frühling begonnen, und er verändert einen Teil der Welt.

          Dreißig Jahre lang herrschte Hosni Mubarak in Ägypten, vierunddreißig Jahre Ali Abdullah Salih im Jemen, zweiundvierzig Jahre Muammar al-Gaddafi in Libyen, das sind Zeiträume, die fast schon ewig wirken, und dann brechen ihre Regimes innerhalb weniger Wochen zusammen, entgleitet ihnen die Macht, die so lange so fest in ihren Händen lag. Das hatte noch nicht einmal die professionellen Beobachter im Westen erwartet, die wohlinformierten Journalisten, die Experten aus dem Fernsehen, die Kenner, die Berater, die Dienste. Und wie hätte man auch darauf kommen sollen? Ein Gemüsehändler aus Sidi Bouzid? Das war so gut wie aus dem Nichts.

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