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Umbruch in Iran : Es gibt kein Zurück mehr

  • -Aktualisiert am

Gina B. Nahai Bild: Jessica Shokrian

Die Zeit der Mullahs in Iran neigt sich dem Ende zu, meint die iranische Autorin Gina B. Nahai. Das zeigt nicht zuletzt ihr hartes Eingreifen gegen die Demonstranten. Aber nach den Wahlen hat nicht nur die Führung, auch die Reformer haben ein Problem.

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          Jede Nation hat ihren eigenen historischen Rhythmus, der sich über Jahrhunderte wiederholt, ein bestimmtes Muster, in dem Fortschritt und Rückschritt sich abwechseln. Das gilt auch für den modernen Iran. Alle zwanzig, dreißig Jahre kommt es zu einem folgenschweren Ereignis – Krieg, Hungersnot, Sturz einer Dynastie. Diese Abfolge ist in ihrer Zuverlässigkeit ermutigend und erschreckend zugleich. Wie der jeweilige Status quo auch aussehen mag, der Umschwung ist immer schon in Vorbereitung. Die Erde bebt oder steht kurz davor.

          So begann das zwanzigste Jahrhundert in Iran mit der Konstitutionellen Revolution von 1901. Vierundzwanzig Jahre später kam es mit der Machtergreifung von Reza Schah zu einer zweiten Veränderung. Sein Sohn, offiziell 1941 inthronisiert, herrschte von 1946 (nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen) bis 1979 – dann übernahmen die Mullahs die Macht. Im Februar dieses Jahres feierten sie ihr dreißigstes Jubiläum. Wenn der Blick auf die Geschichte nicht trügt, ist ihre Zeit um.

          Die Mullahs sind verunsichert

          Läutet das Ende dieses dritten Jahrzehnts auch das Ende der Islamischen Revolution ein? Nun, das dürfte wohl reichlich Wunschdenken sein. Das Arsenal der Mullahs ist noch nicht aufgebraucht. Ihr unnachgiebiges Festhalten an der Macht, ihr Streben nach absoluter Herrschaft prägt das Schicksal der iranischen Nation seit tausendfünfhundert Jahren. Die jüngste Truppe – Chomeini und seine Kinder – hat sich außerordentlich geschickt an der Macht gehalten. Zwar kann niemand sagen, wohin die aktuellen Unruhen noch führen, aber eines steht fest: Irans den Holocaust leugnender, feuerspeiender, In-unserem-Land-gibt-es-keine-Homosexuellen-Präsident hat sich selbst und seinen aggressiven Anhängern einen schweren Schlag versetzt.

          Ob es der sogenannte Obama-Effekt war oder der wirtschaftliche und soziale Zusammenbruch unter Ahmadineschad oder (wofür einiges spricht) eine Kombination dieser und anderer Faktoren – die Grüne Bewegung in Iran wendet sich vor allem gegen die Kräfte des Status quo, seine Hüter und Apologeten, seine Fußsoldaten und motorradfahrenden Schläger. Mussawis Popularität, besonders unter den Jugendlichen, signalisiert deutlich, dass die Hardliner in den Augen vieler Iraner endgültig jede Legitimation verloren haben. Sein augenscheinlicher Sieg am Freitag sollte den Mullahs eine ernste Warnung sein, dass sie einen Teil der Herrschaft abgeben müssen, wenn sie an der Macht bleiben wollen. Dass sie brutaler denn je zuschlagen, verrät nur, wie verunsichert sie sind.

          Das Dilemma der Reformer

          Gewiss, die Mullahs haben nie wirklich freie oder demokratische Wahlen in Iran zugelassen, aber sie haben auch noch nie derart offensichtlich Wahlergebnisse manipuliert wie dieses Mal. Dass sie den Willen der Bevölkerung missachten und auf diese Weise den letzten Rest ihrer Legitimität verspielen, ist für sie und Ahmadineschad die viel schlechtere Variante als eine klare Niederlage.

          Die weitere Entwicklung wird stark davon abhängen, ob die Opposition bereit ist, den behaupteten Sieg Ahmadineschads anzufechten. Verzichtet sie darauf, wird sie endgültig das Vertrauen ihrer Anhänger und damit auch ihr Mandat verlieren. Die Alternative ist für Mussawi und seine Verbündeten nicht viel attraktiver. Sie mögen vergleichsweise Reformer sein, aber sie sind durchweg Geschöpfe derselben politischen und religiösen Infrastruktur, die sich jetzt bedroht sieht. Wenn sie zu weit gehen, gefährden sie ihr eigenes Fundament. So war es auch vor zehn Jahren bei jenem anderen Reformpräsidenten – dem Turban und Gewand und staatstragenden Chatami, der mit seinen hoffnungsvollen Worten die unruhige Jugend dazu brachte, protestierend auf die Straße zu gehen, dann aber schweigend zusah, als die Hardliner hinter ihm die Oppositionellen verhafteten oder ermordeten.

          Dieses Dilemma der Reformer, deren größte Bedrohung von innen kommt, diese weitverbreitete Unzufriedenheit derselben Massen, die die Mullahs vor dreißig Jahren an die Macht brachten, bedeutet aber auch, dass die Mullahs ihre besten Jahre hinter sich haben. Die Pfeiler, die das Regime bislang getragen haben, zerbröseln, werden von innen ausgehöhlt. Nachdem Obama die Hand ausgestreckt und den Iranern Neujahrsglückwünsche geschickt hat, ist Amerika nicht mehr der große Satan.

          Es gibt kein Zurück

          Im Rückblick auf die Ereignisse, die vor dreißig Jahren zum Sturz des Pahlavi-Regimes führten, beklagten viele Exiliraner, der Schah sei zu „weich“ gewesen, allzu folgsam gegenüber den Anweisungen aus Carters Weißem Haus, allzu ängstlich, die Unruhen gewaltsam niederzuschlagen. Ein solches Blutvergießen, erklärten sie, würde verblassen neben Verbrechen, die von den Mullahs zu erwarten seien. Unter den Exiliranern in den Vereinigten Staaten zirkulierte damals eine Geschichte – vom Schah, der eines Tages beschloss, auf seine Generäle zu hören, Carter zu ignorieren und Panzer in Marsch zu setzen. Als die Kaiserin davon hörte, so die Geschichte, lief sie zu ihrem Mann, warf sich ihm zu Füßen und flehte ihn an, seine Entscheidung zu überdenken. Ab einem bestimmten Punkt gebe es kein Zurück mehr – für sie, für ihn selbst, für den Kronprinzen.

          Ich weiß nicht, ob diese Geschichte wahr ist, aber ich bin überzeugt, dass es so etwas gibt wie einen point of no return, einen Moment, von dem an Umkehr nicht mehr möglich ist. Die Hardliner in Iran haben diese Linie überschritten.

          Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

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