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Frankfurter Altstadt : Mut zum Traum

  • -Aktualisiert am

Damit es nicht nur bei Erinnerungen an eine versunkene Stadt bleibt: Frankfurts neues Altstadtquartier wächst auf uraltem Boden – und setzt zum Glück deutlich heutige Zeichen.

          8 Min.

          „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ Mit diesem magisch knappen Satz beginnt Thomas Manns Tetralogie „Joseph und seine Brüder“. Trotz des Abstands von Jahrtausenden, so macht der Dichter im folgenden Vorspiel deutlich, erkennen wir uns in den Protagonisten der ersten Hochblüte unserer Kultur, in ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten, Ängsten und Triumphen wieder. Sie waren, so Thomas Mann, „Menschen wie du und ich – einige träumerische Ungenauigkeiten ihres Denkens in Abzug gebracht“.

          Nicht umsonst beginnen in den Mythen, die der Dichter wiederbelebte, Tragödien und Komödien unserer Urahnen an „unergründlich tiefen Brunnen“; im Mythos wie in Manns Epos spenden sie Leben auch und gerade, weil in ihnen die Vergangenheit auf ihre Wiederentdeckung wartet. Joseph, dem biblischen Titelhelden der Tetralogie, zum Beispiel übermitteln die drei Tage und Nächte, während deren er hilflos auf dem Grund eines Brunnens auf Rettung wartet, die Einsicht, Akteur eines jahrhundertealten Kampfes menschlicher Leidenschaften zu sein.

          Ein Brunnen, an Geschichten überreich

          Brunnen wie der des Joseph sind weder auf die Umgebung des Jordans, die Wüsten Galiläas und die „fruchtbaren Triften“ Alt-Ägyptens, die Schauplätze also der alttestamentarischen, babylonischen und assyrischen Mythen, beschränkt noch auf die Urzeiten unserer Kultur. Sie finden sich überall und zu allen Zeiten: In Frankfurts im Bau befindlichen neuen Altstadtquartier zum Beispiel wird mit dem Hühnermarkt, einem Platz wenige Schritte vom gotischen Domturm, einer der ältesten, an Geschichte überreichen Brunnen Frankfurts wiedererstehen. 1951 mitsamt den Trümmern der umgebenden Altstadthäuser rigoros entsorgt, soll er künftig wieder die 1895 aufgerichtete, mit einer Bronzebüste des Lokaldichters Friedrich Stoltze geschmückte rotsandsteinerne Brunnensäule tragen, die 1944 den Bomben entgangen war.

          Die Vergangenheit rekonstruiert sich nicht von selbst. Man braucht handwerkliches Geschick, um die vergangene Zeit wieder sichtbar werden zu lassen.

          Mit dem Stoltze-Brunnen wird also ein Idyll des späten neunzehnten Jahrhunderts an seinen Ursprungsort zurückkehren. Die Geschichte des Brunnens aber gründet weit tiefer als in der Spätromantik der Jahre um 1890. Sie reicht bis hinab in die frühesten Zeiten Frankfurts: Archäologische Sondagen ergaben Ende des neunzehnten Jahrhunderts und in den fünfziger Jahren Erstaunliches – die bis ins achtzehnte Jahrhundert mit dem geheimnisvollen Namen Freithofbrunnen benannte Anlage entstand nicht, wie zuvor aufgrund von Urkunden vermutet, im vierzehnten Jahrhundert. Untere Mauerschichten des Brunnenschachts entstammten der Karolingerzeit und fußten ihrerseits auf römisch antiken Steinlagen.

          Tief hinab in die frühesten Zeiten der Stadt

          Dass die Geschichte des Areals rund um Frankfurts Dom bis in die Römerzeit zurückreicht, war allgemein bekannt. Vor den Entdeckungen im Hühnermarktbrunnen aber herrschte Konsens, dass auf dem Gelände zwischen Main-Furt und der späteren ersten Kaiserpfalz samt Dom nur eine kleine römische Wachstation bestanden habe. Nun erwies sich, dass die Formel „Loco celebris“, mit der karolingische Dokumente Frankfurt bezeichnen, keine höfische Übertreibung gewesen ist. Denn der Brunnen könnte ursprünglich für einen weitläufigen römischen Gutshof oder gar eine aufwendige, mit Thermen ausgestattete Landvilla gebohrt worden sein, einen Ort also, den spätere Generationen angesichts der Reste stattlicher Bauten durchaus als „gefeierte Stätte“ wahrgenommen haben könnten.

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