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Frankfurter Altstadt : Mut zum Traum

  • -Aktualisiert am

Kein NS-Plagiat

Die krisengeplagte Stadtverwaltung der Weimarer Republik musste sich damit begnügen, diese Fassade mit zwei Notpfeilern abzustützen. Während des „Dritten Reichs“, in dem Frankfurts Altstadt zum nazistischen Ideal der „Stadt des Deutschen Handwerks“ umgestaltet werden sollte, galt die Giebelwand sofort als Schandfleck. Man brach große Teile von ihr ab, die verbliebenen Reste wurden 1936 als Rohmaterial für eine steinerne Alt-Frankfurter Fassade genutzt, deren markige Konturen unfreiwillig die Vorliebe des NS-Regimes für Wagners Meistersänger-Theatralik verrieten; aus demselben Grund wurde auch das angrenzende Haus trotz seines reizvollen Fachwerks verputzt.

Das nun für die Rekonstruktion der beiden historischen Rebstockhäuser zuständige Frankfurter Architekturbüro Müller & Jourdan, das zunächst gemäß der aktuellen Gestaltungssatzung des Viertels auch die Rekonstruktion der Fassade von 1936 vorgesehen hatte, besann sich glücklicherweise eines anderen: Statt des NS-Plagiats wird nun eine Interpretation der spätromanisch-gotischen Giebelwand entstehen. Und das keineswegs als Plagiat. Denn aus einem Steinbruch, der schon das mittelalterliche Frankfurt mit Baumaterial versorgte, wird Kalkstein geliefert, aus dem die Giebelwand einst gemauert worden war. Mit ihm werden die ehemaligen Konturen samt der Fragmente des Treppengiebels nachgezeichnet. Auf Kopien der ehemaligen vermauerten Fenster haben die Architekten verzichtet. Stattdessen werden Fensterschlitze die Massivität der Wand veranschaulichen und deutliche Zeichen des Heute setzen.

Leicht wird es diese Giebelwand, die so gar nichts Trauliches bieten wird, ihren Betrachtern nicht machen. Doch wer sich ihrem Menetekel-Charakter öffnet, der dürfte entschädigt werden mit einem ergreifenden Blick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser Stadt, die sich gewöhnlich im Zehnjahrestakt um Kopf und Kragen baut. Endlich ein Bauwerk, das nicht nur die glanzvolle Geschichte dieser Kaufmannsstadt beschwört, sondern auch ihre barbarische Zerstörung durch den Krieg und einen überhasteten Wiederaufbau eindringlich in Szene setzt und mit diesen ungeteilten Erinnerungen Wege in die Zukunft weist. Das heißt Bindung, heißt Kontinuität und Halt im rasenden telematischen Zeitalter.

Man mag Müller & Jourdan, frei nach Thomas Mann, ob ihres freien schöpferischen Umgangs mit Zitaten des Einst und Motiven des Jetzt einige „träumerische Ungenauigkeiten des Denkens“ unterstellen. Doch sicher ist, dass ebendieser Mut zum Traum dem deutschen und sogar dem europäischen Städtebau, der momentan haltlos zwischen Bedürfnissen nach Tradition und bedingungsloser Innovation schlingert, entscheidende Impulse geben kann. „Die Augen auf, wenn ihr sie in der Abfahrt verkniffet. Seht, über uns gehen die Sterne, die wir kennen.“ So endet Thomas Manns Erkundung des Brunnens der Vergangenheit.

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