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Frankfurter Altstadt : Mut zum Traum

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Dies und Fragmente romanischer Bauskulptur, die Frankfurts Historisches Museum verwahrt, legen die Vermutung nahe, dass hier, in unmittelbarer Nähe zur Kaiserpfalz, adlige Ministerialen ihre Wohnsitze erbaut hatten; Festungen fast im buchstäblichen Sinn, die im Lauf der Jahrhunderte verschwanden oder von den Fachwerkhäusern nachfolgender Kaufleute und Handwerker überwuchert wurden.

Moloch des Betonbrutalismus

Auf diese weitgehend vergessenen Ursprünge des Rebstocks greifen Jordi & Keller mit ihrem stattlichen, die längst verschwundenen Steinbauten zitierenden Giebelhaus zurück. Dass sich ausgerechnet im Erdgeschoss ihres Rebstocks eine U-Bahn-Station befindet, deren pflegeleicht technoide Bauformen krass mit denen des Hauses kollidieren, ist den Umständen geschuldet. Wettgemacht wird das Manko durch eine Respektsgeste der Architekten vor der jüngsten Vergangenheit: Die umlaufenden schmalen Kragbänder des Neubaus, die als schlichter Fassadenschmuck auf Alt-Frankfurter Art die Geschosse markieren, werden aus aufbereitetem Waschbeton, dem Abbruchmaterial des Technischen Rathauses, bestehen.

Als Moloch des Betonbrutalismus war der Riesenbau 1972 mit plumpen, von Waschbetonplatten verkleideten Polygonen mitten in die zuvor geschlossene Häuserzeile der Braubachstraße gerammt worden, hatte den Abbruch des letzten Rokokohauses und der Fragmente eines Renaissance-Hofs notwendig gemacht und war für die Bürger jahrzehntelang ein provokanter und ignoranter Fremdkörper im Stadtgefüge geblieben. Während der Debatten um den Abriss des Technischen Rathauses wurde klar, dass das geschmähte Bauwerk durchaus Qualitäten hatte und auf einem innerstädtischen Freigelände als reizvoll vielschichtiges monumentales Steckspiel Wirkung hätte entfalten können. Wohl deshalb entschlossen sich Jordi & Keller, mit ihren Fassadenbändern an das Rathaus zu erinnern, dem seine verheerend falsche Plazierung zum Verhängnis wurde.

Palimpsest im Sinne Nietzsches

Was der künftige „Rebstock“ am Markt8 diskret andeutet, könnte sich am nördlichen des gesamten Rebstock-Ensembles, genauer: auf dem Grundstück Braubachstraße21 zum faszinierenden Emblem des gesamten Viertels entwickeln. Dort nämlich wird eine Giebelwand zwei rekonstruierte historische Bauten der Hofanlage abschließen. Das südliche von ihnen, momentan im Rohbau schon zu erkennen, ist ein stattlicher Längsbau; mit entzückenden geschnitzten Laubengängen ein beeindruckendes Beispiel des Frankfurter Frühbarocks. Nach Norden angrenzend wird sich in Formen des sechzehnten Jahrhunderts ein Fachwerkbau mit stattlichem Zwerchhaus erheben; einst eines unter vielen, künftig ein letzter Zeuge der untergegangenen Fachwerk-Baukultur Frankfurts.

Den Abschluss des Ensembles aber wird eine massive, hoch aufragende Giebelwand bilden. 1906, als man in einem ebenso brachialen wie vergeblichen Versuch, die Altstadt den neuen Verkehrsbedürfnissen anzupassen, die heutige Braubachstraße mitten durch das Gewirr der Gassen, Höfe und Häuser brach, war diese Wand, als der Rebstock zerrissen wurde, zum Vorschein gekommen. Von Jahrhunderten geschwärzte Bruchsteinlagen, zahllose Flickstellen, altersbedingte gefährliche Ausbuchtungen im fast meterstarken Mauerwerk vereinten sich zu einem bezwingenden Bild der fernsten Vergangenheit. Reste eines monumentalen Staffelgiebels, dazu vermauerte uralte Rundbogenfenster bewiesen, dass es sich nicht um eine martialische Brandmauer, sondern um das Fragment der Fassade eines Gebäudes in der Art eines Palas handelte; eine Kostbarkeit sondergleichen, ein Palimpsest im Sinne Nietzsches.

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