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Frankfurter Altstadt : Mut zum Traum

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So waren denn auch die Archäologen, die vor einigen Jahren bei Grabungen im Frankfurter Dom die Grundmauern einer unbekannten Kapelle entdeckten, nicht sonderlich überrascht. Der Bau, eventuell eine Wallfahrtsstätte, enthielt das mit reichen Beigaben ausgestattete Grab eines fränkischen Mädchens, einer Kindheiligen möglicherweise. Auch dieser Fund erhärtete die These vom „Loco celebris“.

Die Stadt richtig lesen

Wie lange bleiben solche spannenden Entdeckungen im allgemeinen Gedächtnis? Erfahrungsgemäß faszinieren sie allenfalls kurzzeitig, um dann im Datenwirbel des Informationszeitalters zu verschwinden. Gleichwohl nistet sich das, was der „Brunnen der Vergangenheit“ am Hühnermarkt oder die Domgrabungen preisgaben, schleichend im Bewusstsein der Bürger ein, verästelt sich zu Gefühlen von Geborgenheit, Zugehörigkeit und Kontinuität: „Das Kleine und Veraltete erhält seine eigene Würde und Unantastbarkeit dadurch, dass die bewahrende Seele der antiquarischen Menschen in diese Dinge übersiedelt; die Geschichte seiner Stadt wird ihm zur Geschichte seiner selbst. Hier ließ es sich leben, sagt er sich, denn hier lässt es sich leben; hier wird es sich leben lassen, denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen.“ So schrieb Friedrich Nietzsche 1874 in seinen „Unzeitgemäßen Betrachtungen“.

In den Bombennächten des März 1944 musste Frankfurt erleben, dass Städte sehr wohl „über Nacht umzubrechen“ sind. Doch selbst beim Anblick unkenntlicher Schutthaufen und zwei Generationen später beim Anblick der heutigen, radikal neuen Stadt blieb die Erinnerung an die versunkene Altstadt drängend präsent: „So entwickelt der Städter ein instinktives Richtig-Lesen der noch so überschriebenen Vergangenheit, ein rasches Verstehen der Palimpseste“, prognostizierte einst Nietzsche. Er hat recht behalten. Denn ebendies Lesen-Wollen der Vergangenheit ist der eigentliche Antrieb für die enormen Anstrengungen, mit denen derzeit zwischen Dom und Römer versucht wird, einen Teilausschnitt der jahrhundertealten Stadt wenigstens im Abglanz zurückzugewinnen.

Glanz, Zerstörung und Wiederbeginn

Das Bestechende des Projekts ist der Vorsatz, sich nicht mit bloßen Faksimiles des Verschwundenen zu begnügen. Statt denkfauler purer Wiederholung unwiederbringlich verlorener baulicher Szenarien sollen neue Stadthäuser in Kombination mit detailgetreuen Rekonstruktionen besonders kostbarer historischer Bauwerke die Geschichte des Ortes umfassend sinnfällig machen – den Glanz, die Zerstörung, den mühsamen Wiederbeginn, die architektonischen Fehlschläge der Spätmoderne und den zeitgenössischen Versuch, die vorangegangenen Fehler zu revidieren.

Besonders ambitionierte Beispiele hierfür sind drei an der Einmündung des einstigen Krönungswegs in den Domplatz geplante Häuser. Eines davon, ein Neubau, der den historischen Namen „Rebstock“ seines Vorgängers übernommen hat, entsteht derzeit auf der Parzelle Markt8.

Mit wuchtigen Proportionen und einem mächtigen Dreiecksgiebel, kräftigen Erdgeschossarkaden und hohen Rundbogenfenstern sticht er von den eher zierlichen Proportionen seiner künftigen Nachbarbauten ab. Aus gutem Grund: Denn das Haus der Berliner Architekten Jordi& Keller greift auf die Bauten der einstigen Hofanlage „Zum Rebstock“ zurück. Dieser mittelalterliche Kaufmannshof, ein Paradebeispiel jener „Vesten in der Veste“, als die Goethe Frankfurts Kaufmannssitze bezeichnete, besaß vor seinem Teilabriss 1906 steinerne Giebelhäuser, deren kompakte Bauart auf die Spätromanik und frühe Gotik verwies.

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