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Opernhaus Covent Garden : Wie ein Ozeandampfer des Art déco

  • -Aktualisiert am

Die Londoner Royal Opera Covent Garden. Nach einer dreijährigen Umbauphase wurde am Mittwoch, 19. September, das Projekt „Open Up“ eröffnet. Bild: dpa

Das Londoner Opernhaus Covent Garden bemüht sich schon lange das Etikett „elitär“ abzustreifen. Durch einen umfangreichen Umbau soll nun ein neues Publikum angelockt werden.

          In den späten achtziger Jahren glaubte das Victoria and Albert Museum ein breiteres Publikum zu ködern, indem es sich anpries „als Spitzencafé mit einem ganz netten Museum“. Die Plakatkampagne, die damals mit einer heftig kritisierten Umstrukturierung des Kunstgewerbemuseums einherging, war der Anfang des Rufs nach Inklusivität, den sich inzwischen alle Kultureinrichtungen auf die Fahne geschrieben haben.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Auch das königliche Opernhaus in London, bemüht sich schon lange, jenes Etikett „elitär“ abzustreifen, das der teuren Kunstform anhaftet – in Verkennung der potentiellen Breitenwirkung. Diese hofft die Institution jetzt weiter auszuschöpfen mit einem umfangreichen Umbau, der die Strategie, ein neues, jüngeres und sozial stärker ausgewogenes Publikum zu erschließen, nicht nur ermöglicht, sondern architektonisch versinnbildlicht. Das mit 50,7 Millionen Pfund aus privaten Spenden finanzierte Projekt, das jetzt enthüllt worden ist, steht unter dem Schagwort „Open Up“.

          Früher kam man ohne Eintrittskarte nicht über den Kassen- und Garderobenbereich hinaus. Das Opernhaus präsentierte sich zur Straße hin mit einer geschlossenen Front. Jetzt will es Passanten durch den neue erweiterten Glaseingang hineinlocken in die ganztägig geöffneten, mit Restaurants und Bars auf allen Etagen großzügig ausgestatteten Foyers. Dort werden mit teilweise gebührenfreien Veranstaltungen für alle Altersgruppen nicht nur Kostproben von Tanz und Gesang geboten, sondern auch Einblicke in die Welt hinter den Kulissen. Mit der Gastronomie hofft das Haus freilich auch seine durch Etatkürzungen und das sinkende Pfund geschrumpften Einnahmen aufzustocken.

          Bleibt zu hoffen, dass das Publikum folgt

          Beim Gang durch die mit Schwarznuss getäfelten, mit poliertem Gips verputzten und mit Kalksteinfliesen ausgelegten Räume ist man denn auch versucht zu bemerken: „Spitzencafé mit einem ganz netten Opernhaus“. Dabei hat Covent Garden neben dem Hauptauditorium durch den Umbau auch ein kleines, mit der neuesten Technologie ausgestattetes Juwel von einem Theater für vierhundert Zuschauer dazugewonnen, das die klaustrophobische Studiobühne im Untergeschoss ersetzt. Die mit dem Projekt betreute Architekturfirma Stanton Williams hat das Betongehäuse entkernt. Mit der fein verarbeiteten Schwarznusstäfelung hat sie einen intimen und flexiblen Rahmen geschaffen für das Ballett- und Opernprogramm, das anders als zuvor als Pendant zu den Aufführungen im großen Saal gestaltet wird.

          Ein neuer Treppenaufgang mit beleuchteten Stiegen, die wie die bronzepatinierten Flächen und wie die an das gestreifte Muster der Tapete des Interieurs aus dem neunzehnten Jahrhundert anknüpfenden Holzrippen den Foyers den Anstrich eines Art-déco-Ozeandampfers verleihen, ermöglicht den Zugang zu den oberen Ebenen, ohne die anderen Funktionen des Hauses zu beeinträchtigen. Stanton Williams hat mit ihren Eingriffen viel Licht in das Innere hineingeführt. Bleibt zu hoffen, dass das Publikum ihm folgt.

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