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Ulrich Herbert würdigt Mommsen : Licht ins Halbdunkel der politischen Willensbildung

  • -Aktualisiert am

Hans Mommsen, 1930 bis 2015 Bild: Picture-Alliance

Für mehr als eine Generation von deutschen Historikern war Hans Mommsen nicht nur zentrale intellektuelle Figur, sondern auch Förderer und Wegbereiter. Ohne seine scharfe Strukturanalyse versteht man das „Dritte Reich“ nicht.

          Hans Mommsen war fast fünfzig Jahre lang einer der einflussreichsten Zeithistoriker in Deutschland und einer der wenigen, dessen Arbeiten weltweite Verbreitung fanden. Fast die gesamte Forschung zur Weimarer Republik und zur Geschichte des Nationalsozialismus fußt in der einen oder anderen Weise auf seinen Arbeiten. Sie bildeten sich zunächst überwiegend aus der empörten Opposition gegen das lange verbreitete nationalkonservative Geschichtsbild heraus. Gegen das Postulat, die Weimarer Republik sei an einer „zu demokratischen“ Verfassung gescheitert, hob er die Verantwortung der traditionellen Eliten in Wirtschaft, Militär und Bürokratie für den Untergang der Demokratie hervor. Gegen die Interpretation des NS-Regimes als einer zugespitzten Form der modernen Massengesellschaft betonte er die spezifischen Defizite der deutschen politischen Kultur, ebenso wie er die „geradezu dithyrambische Hochschätzung der ‚Volksgemeinschaft‘“ in einigen jüngeren Forschungsbeiträgen kritisierte und deutlich machte, dass trotz der egalitären Propagandaparolen des Regimes die sozialen Unterschiede bestehen geblieben waren, sich sogar noch verschärft hatten.

          Vor allem aber setzte Mommsen gegen die alten Vorstellungen vom alles wissenden und alles steuernden Alleinherrscher oder gegen die Übertreibungen von der alles erklärenden „charismatischen Herrschaft“ Hitlers ein nüchterneres Bild des Diktators: Der habe zweifellos eine suggestive Ausstrahlungskraft besessen, vor allem aber habe er seine Herrschaft auf drei Elementen aufgebaut: auf der wachsenden Affinität der führenden Eliten in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu den Zielen der Partei; auf der Ausschaltung des Staatsapparats und damit der Zerstörung von Politik als eines um rationale Interessen- und Risikoabwägung bemühten Systems und schließlich auf der Herausbildung eines sozialdarwinistisch geprägten Ämterdschungels. In diesem „Halbdunkel der politischen Willensbildung“ habe sich jene bald rasende Radikalisierung des Regimes herausgebildet, die für den Weg zur Kriegs- und Vernichtungspolitik stärker verantwortlich gewesen sei als ein zielgerichtetes Handeln des Diktators selbst. So sei auch der Judenmord, so Mommsen, nicht einer langfristigen Strategie und auch keinem expliziten Führerbefehl entsprungen, sondern sei „eine aus der Natur des Systems resultierende Konsequenz“ gewesen, weil „die sich verschärfenden Interessengegensätze“ innerhalb der Regimeführung sowie im kriegführenden Deutschland insgesamt „ein kompensatorisches Ventil suchten und fanden“.

          Für die nachfolgende Generation der deutschen Historiker war Hans Mommsen einer der zentralen intellektuellen Bezugspunkte, aber auch der wichtigste Wegbereiter, Förderer und Beschützer. Wie kein anderer hat er die jungen Wilden am Rande der Zunft unterstützt, gegen den Mainstream verteidigt – und in Grund und Boden kritisiert, wenn es ihm richtig schien. Er konnte sich zornentbrannt in Rage reden – und war doch einer der höflichsten und liebenswürdigsten Gesprächspartner unter den Geistesgrößen in diesem Lande. Und Streitpunkte gab es viele: Wie konnten Mommsens kühle Untersuchungen der Strukturen des Dritten Reiches die Anziehungskraft des Regimes auf große, womöglich überwiegende Teile der deutschen Bevölkerung erklären? Welche Rolle spielten darin die Wahrnehmungen der Opfer des Regimes? Warum hat die deutsche Geisteselite seinerzeit die uns heute so unverständlich klingenden Traktate von Volk, Reich und Rasse zumindest ernst genommen, wenn nicht begeistert bejaht? Dass man sich an Mommsen rieb, sich über ihn aufregte, dass man vieles ähnlich, manches völlig anders sah, zeigte nur, wie aktuell und herausfordernd seine Arbeiten waren und sind. Die Zahl der Bücher über das „Dritte Reich“ ist mittlerweile nahezu endlos. Aber ohne Mommsens scharfe, zuweilen lakonisch anmutenden Strukturanalysen versteht man gar nichts.

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