https://www.faz.net/-gqz-ag6v4

Ulrich Herbert Bild: imago/Gerhard Leber

Ulrich Herbert wird siebzig : Die Gesichtserkennung des „Dritten Reiches“

Wer war denn schon kein Nationalsozialist? Illusionslos erforscht Ulrich Herbert eine trostlose Zeit: Zum siebzigsten Geburtstag des Historikers.

          3 Min.

          Es gibt verschiedene Arten, als Historiker mit dem eigenen Forschungsfeld und seinen Akteuren zu leben. Manche laden sich (oder weniger freundlich gesagt: blasen sich) mit der Größe auf, die sie beschreiben. Andere üben sich darin, die Ironie historischer Entwicklungen nachzuzeichnen, bei denen selten herauskommt, was beabsichtigt war, sondern oft das Gegenteil. Wieder andere drücken ihren Subjekten die Daumen, oder sie genießen den Wind, der die Geschichte in die eine oder andere Richtung, häufig nach Westen weht. Schließlich gibt es die Chronisten der verlorenen Fälle.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Für die Historiker des Nationalsozialismus existiert keine dieser Möglichkeiten. Vor wenigen Wochen erschienen die letzten der sechzehn Bände der Quellensammlung „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland“. Von den ersten Erlassen nach der Machtübernahme über die Zeugenberichte aus dem Weltkrieg bis zur Zeit der Todesmärsche: kaum Größe, kein Wind, der in die richtige Richtung bläst, kein Anhalt für Daumendrücken, Sinnträgerschaft oder Ironie, keine verlorenen Fälle, sondern nur unendliches Elend, Niedertracht, Opportunismus, Kälte und grausame Exzesse.

          Illusionslose Herangehensweise

          Ulrich Herbert hat sein ganzes Historikerleben mit dieser Zeit, ihren Voraussetzungen und ihren Folgen verbracht; er ist einer der Herausgeber jener Quellensammlung. 1951 in Düsseldorf geboren, hat Herbert in Freiburg studiert und kam, nach fünf Jahren als Schullehrer, über Arbeiten zur Zwangsarbeit im NS-Staat sowie seine äußerst lesenswerte Habilitation über den Gestapo-Vizechef und Statthalter des „Dritten Reichs“ in Dänemark, Werner Best, ins Zentrum des Studiums der nationalsozialistischen Epoche. Es begann damals erst. Herberts Satz, der Historikerstreit von 1986/87 sei ohne Bezug auf Forschungen geführt worden, weil es solche in ausreichender Weise damals noch gar nicht gegeben habe, ist kaum übertrieben. Was wir heute über die Jahre von 1933 bis 1945 wissen, verdankt sich der Arbeit der nach 1950 Geborenen und maßgeblich den Schriften Herberts, seiner Schüler und Mitstreiter.

          Wollte man den dabei angewandten Forschungsstil bezeichnen, so wäre wohl von illusionsloser und an jeder Geschichtsphilosophie desinteressierter Beschäftigung mit Tatsachen zu sprechen. Nehmen wir nur die Diskussion darüber, wer alles Nationalsozialist war, ein Buchtitel Herberts. Nach dem Untergang wurde Hunderte von Nuancen betont, um bloße Mitläufer, Leute mit im Grunde anderen Intentionen, Verstrickte, bloß Pflichtbewusste oder nur teilweise Engagierte zu unterscheiden. Das Suchbild der blonden Bestie führte nur zu geringen Fahndungserfolgen. Das jedoch musste im Umkehrschluss – die Ermordeten waren ja ermordet worden – bedeuten, das Suchbild war falsch und hatte entlastende Funktionen. Durch Herbert wissen wir, wie sehr der Nationalsozialismus ein Sammelbecken divergenter Ansichten und Absichten war, die sich im Hass auf die Demokratie und auf Juden fanden. Der Nationalsozialismus nahm das alles auf, mit der Bereitschaft zu Organisation und Hemmungs­losigkeit.

          Zone der Sachlichkeit

          In seinem Buch über Best hat Ulrich Herbert diese Kombination aus rücksichtslosem, fanatischem Handeln und Organisationsfähigkeit nachgezeichnet. Wir erkennen hier auf erfreulichste Weise den Gymnasiallehrer in seinen Texten. Die Moral von der Geschichte wird nicht über moralische Urteile mitgeteilt, weil sich die angesichts des Unsäglichen ohnehin erübrigen. Herberts kurze Darstellung „Das Dritte Reich“ sollte die Grundlage jedes Geschichtsunterrichts über die deutschen Jahre zwischen 1918 und 1945 vielmehr sein wegen der Kühle, mit der hier dem Bösartigstem entgegengetreten wird, und wegen der Verweigerung jeden Trostes. Das ist der Umstand, der ein solche Forscherleben besonders macht: seine Befassung mit einer vollständig trostlosen Zeit.

          Jetzt haben wir noch gar nicht vom Wissenschaftsmanager geredet, der Ulrich Herbert überdies war. Und auch nicht über die lächerlichen Begründungen, mit dem seinem Freiburger Exzellenz-Zentrum einst die Verlängerung aberkannt wurde. Es ist zu hoffen, dass sie längst verschmerzt sind. Danach hat er seine Geschichte Deutschlands im zwanzigsten Jahrhundert veröffentlicht, die selbst diejenigen als Meisterwerk anerkennen müssen, denen ihre Thesen nicht gefallen.

          Aber was heißt hier schon Meisterwerk? Herbert würde die Bezeichnung mit guten Gründen von sich weisen. Er ist ein fast grimmig auf Nachweisbares konzentrierter Forscher. Beinahe ähnelt er damit Christian Streich, dem Trainer des SC Freiburg, der unerkannt unter den Besuchern von Herberts Abschiedsvorlesung in Freiburg war. Leute, die es sehr ernst mit ihrem Beruf meinen und bei aller Konfliktbereitschaft nicht bereit sind, die Zone der Sachlichkeit zu verlassen. Heute wird Ulrich Herbert siebzig Jahre alt, und wir gratulieren diesem vorbildlichen Forscher sehr.

          Weitere Themen

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Topmeldungen

          Tsitsi Dangarembga, die neue Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels, am Rednerpult in der Paulskirche

          Verleihung des Friedenspreises : Sturm auf das Rednerpult

          Tsitsi Dangarembga wird mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt. Aber die Verleihung verläuft anders als geplant – nicht nur wegen einer offenen Kampfansage des Frankfurter Oberbürgermeisters an die Buchmesse.

          Schuss von Alec Baldwin : Keine Cold Gun

          Mit den Worten „Cold Gun“ hatte der stellvertretende Regisseur dem Schauspieler Alec Baldwin eine Waffe gereicht. Der Revolver war aber wohl doch mit echter Munition geladen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.