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Jürgen Kaube (kau)

Uli Hoeneß und die Spielsucht : Stark krank

  • -Aktualisiert am

Das Geständnis, süchtig zu sein, kann einen in der öffentlichen Wahrnehmung von moralischer Verantwortung entheben. Aber wer süchtig ist, gilt auch als schwach.

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          Wenn du sagst, dass du krank bist“, soll einst Reiner Calmund zu Christoph Daum gemeint haben, nachdem man bei diesem Kokainkonsum festgestellt hatte, „dann verzeihe ich dir.“ Wer krank ist, fehlt entschuldigt: im Unterricht, bei der Arbeit, mitunter sogar in Moral und Recht. Um Letzteres zu entschuldigen, muss es selbstverständlich eine erhebliche Krankheit sein. Sie wiederum verträgt sich schlecht mit Stärke. Die Krankheit zieht nach unten, nicht nach oben. Darum ist man allenfalls schwer krank, nicht aber stark krank.

          Es gibt zwei, ja eigentlich drei Uli Hoeneß

          „Ich bin mit mir im Reinen“, sagte Uli Hoeneß im Oktober 2000, als die Sache mit Daum aufkam. Die Entwicklung werde ihm recht geben. Er halte die Position des Bundestrainers wie die des Bundeskanzlers für ausgesprochen wichtig wegen ihrer Vorbildfunktion. An sie müsse man „höchste moralische Ansprüche“ stellen. Bevor jemand ein solches Amt übernehme, müsse er „alles tun, um seine Probleme zu lösen“. Die Gesellschaft sei dabei, ihre Werte zu verlieren. „Wenn wir nicht alles tun, um ihnen wieder zur Geltung zu verhelfen, dann ,Gute Nacht, Fußball‘“.

          Hoeneß hatte durch Bemerkungen ins Rollen gebracht, was mit Daums eingestandenem Kokaingenuss, seinem Ende als Bundestrainer-Kandidaten, eingestellten Verfahren und einem Freispruch vor Gericht endete. Hoeneß aber war damals, wie er uns heute sagt, selbst süchtig, spielsüchtig in Bezug auf Börsenwerte, wovon er sich inzwischen für kuriert hält. Wozu sein Sohn allerdings mitteilt, die Familie sehe das mit dem Kuriertsein ein bisschen anders. Das Interview, das Hoeneß jetzt der „Zeit“ gab, endet mit seiner Überzeugung, durch die Selbstanzeige reinen Tisch gemacht zu haben. Konsequenzen werde er ziehen, wenn er das Gefühl habe, durch seine Person seinem Verein zu schaden, der aber besser dastehe als je zuvor, woran auch er großen Anteil habe. Ein Gesamtschaden des Vereins durch seine Person wäre danach wohl ausgeschlossen. Mehr gespendet als hinterzogen habe er auch, mehr Steuern gezahlt sowieso. Hoeneß rechnet gern netto mit sich ab und nimmt dabei zugleich in Anspruch, dass es zwei, ja eigentlich drei Uli Hoeneß gebe, zwei gesunde und einen süchtigen. Daum ward solche multiple Diagnostik nicht zuteil. Dafür war Hoeneß damals zu stark. Reue hieße jetzt wohl weniger, der Schuld die eigenen Stärken gegenzurechnen, als vielmehr eingestehen zu können, dass Stärke selbst eine Krankheit sein kann.

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