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Ukrainische Bibliothek : Bücherkrieg in Moskau

  • -Aktualisiert am

Es ist ein neuer Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine, für den die Kultur zahlen muss. In Moskau ist die ukrainische Bibliothek geschlossen worden. Vorher veranstaltete die Antiterrorpolizei eine spektakuläre Show.

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          In Moskau ist die Bibliothek für ukrainische Literatur geschlossen; ihre Direktorin, Natalja Scharina, wurde verhaftet. Anlass war eine Denunziation des städtischen Abgeordneten Dmitri Sacharow bei den Ordnungshütern, die Bibliothek verbreite extremistische, nationalistische, antirussische Schriften, die historische Fakten verzerrten und nationale Zwietracht schürten.

          Die Antiterrorpolizei veranstaltete eine spektakuläre „Maskenshow“ wie bei den Oligarchenkriegen der neunziger Jahre. Schwerbewaffnete, maskierte Kämpfer besetzten die stille Bibliothek an der Trifonowstraße im Norden der Hauptstadt und ließen sich von den Kameras der großen Fernsehkanäle filmen. Sie durchsuchten die Regale, beschlagnahmten elektronische Datenträger, Dokumente, diverse Bücher und Ausgaben der von der ukrainischen Nationalbewegung herausgegebenen Zeitung „Tschas Ruchu“. Außerdem durchforsteten sie die Wohnung von Natalja Scharina, wo sie insbesondere Literaturempfehlungslisten des früheren, westlich gesinnten ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko mitnahmen sowie ein Buch über den Holodomor, die von Stalin künstlich herbeigeführte Hungersnot, die in der Zeit um 1932 bis 1933 Millionen ukrainischer Bauern das Leben kostete.

          Suche nach extremistischem Schrifttum

          Ukrainische Historiker betrachten den Holodomor als gezielten Völkermord an Ukrainern, während russische ihn als Teil der gesamtsowjetischen Tragödie ansehen, weil zur selben Zeit aus dem gleichen Grund Millionen auf dem Land lebender Weißrussen, Russen, Kasachen umkamen. In der Ukraine macht sich heute strafbar, wer die speziell gegen die Ukraine gerichtete Stoßrichtung der Hungersnot leugnet.

          Die Strafaktion gegen die einzige ukrainische Bibliothek in Russland soll nicht zuletzt die russische Zivilgesellschaft einschüchtern. Sie markiert einen neuen Tiefpunkt in den Beziehungen beider Länder, für den die Kultur zahlen muss. Die Büchersammlung wurde in den zwanziger Jahren von ukrainischen Patrioten in Moskau gegründet. Sie ist heute in einem staatlichen Quartier untergebracht und wird aus dem Staatshaushalt finanziert. Scharina, eine verdiente Fachfrau, war lange in der Moskauer Kulturverwaltung für Bibliotheken zuständig, bevor sie 2007 die Leitung des ukrainischen Instituts übernahm, nachdem die Stadtväter ihren ukrainischen Vorgänger zu nationalistisch fanden. Mitarbeiter warfen der Russin zunächst vor, dass sie kein Ukrainisch spreche.

          Trotzdem wurde in der Bibliothek wiederholt nach extremistischem Schrifttum gesucht, zuletzt 2010. Damals gaben die Fahnder im elektronischen Katalog das Stichwort „Nationalismus“ ein und nahmen alles mit, was auftauchte. Scharina wehrte sich mit dem Hinweis, als extremistisch gelte solche Literatur, die auf der entsprechenden Liste des Justizministeriums verzeichnet sei. Jetzt steht sie unter Anklage wegen Amtsmissbrauchs und des Schürens von nationalem Hass. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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