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Krieg in der Ukraine : Niemand ist unschuldig, nichts heilig

  • -Aktualisiert am

1983 fand in Kiew eine sowjetische Antikriegs-Demo statt. Sie blendete Moskaus aggressive Nationalitätenpolitik selbstverständlich aus. Bild: Imago

Eugen Ruge irrt, wenn er meint, der nationale Blick gehe an der Sache vorbei. Der Krieg gegen die Ukraine offenbart eine Kontinuität in der russischen Minderheitenpolitik vom Zarenreich über die Sowjetunion bis zu Putin. Ein Gastbeitrag.

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          Die große russische Dichterin Anna Achmatova verlor ihren Sohn in den Jahren des stalinistischen Terrors im Gulag. In ihrem berühmten „Requiem“ klagte sie um das „schuldlose“ Russland, das „sich wand / unter Stiefeln, den blutig befleckten / Schwarzen Wagen, ‚Marussja‘ genannt“. Die Schreckensherrschaft Stalins hatte viele russische Opfer, und die Bolschewiki waren beileibe keine rein russische Partei, sondern zählten Mitglieder vieler Nationalitäten. Auf den polyethnischen Charakter des Bolschewismus verweist Eugen Ruge in seinem Essay „Gibt es einen nützlichen Völkerhass?“ (F.A.Z. vom 3. November). Ruge hält es für einen Kategorienfehler, für die Verbrechen der Sowjetunion Russland und die Russen verantwortlich zu machen.

          Das „schuldlose Russland“ Achmatovas wurde von einem Regime regiert, das seinen Terror nicht in erster Linie gegen Russen, sondern vor allem gegen Angehörige nationaler Minderheiten richtete. Polen waren am stärksten gefährdet. Die Bolschewiki erfanden eine „Polnische Militärorganisation“, die angeblich mit einer „Ukrainischen Militärorganisation“ in Verbindung stand und das Ziel verfolgte, die Sowjetmacht zu stürzen. Die 600.000 Polen, die damals in der Sowjetunion lebten, wurden nach einem denkbar weiten Schema verfolgt: Jeder Pole, dem Beziehungen zu Polen, zur polnischen Kultur oder zum Katholizismus unterstellt werden konnten, geriet unter Verdacht – also de facto alle 600.000 Polen. Allein in der ukrainischen Sowjetrepublik wurden mehr als 55.000 Polen festgenommen und davon mehr als 47.000 erschossen. Timothy Snyder hat berechnet, dass in Achmatovas Heimatstadt Leningrad 1937/38 das Risiko einer Verhaftung für Polen 34 Mal höher war als für andere, überwiegend russische Sowjetbürger.

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