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Überwachungswelten : Die Neugier wächst mit den Mitteln ihrer Befriedigung

Im „Memopol II“ des estnischen Künstlers Timo Toots lernt der Besucher seinen digitalen Doppelgänger kennen. Die Verwechslungsgefahr ist gering. Bild: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Die Lust am Überwachen gab es schon immer, aber ihre Mittel waren noch nie so raffiniert. Die Frankfurter Ausstellung „Außer Kontrolle“ präsentiert die Vorgeschichte heutiger Kontrollexzesse und stolpert auf dem Sprung in die Gegenwart.

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          Neulich gab es einen kleinen Skandal, als die amerikanische Talkmasterin Oprah Winfrey in einer Zürcher Edelboutique nicht erkannt wurde und die Verkäuferin ihren Wunsch nach Beschau einer Handtasche verweigerte. Nach Winfreys Rassismusvorwurf war „Täschligate“ perfekt. Im Frankfurter Museum für Kommunikation, wo gerade die Ausstellung „Außer Kontrolle?“ über moderne Überwachungswelten angelaufen ist, steht eine Schaufensterpuppe, die das Missverständnis vielleicht hätte verhindern können. Es handelt sich um das Eye See Mannequin einer Mailänder Forschergruppe, dem eine verborgene Kamera ins linke Auge implantiert ist. Vor dem Einsatz im realen Leben steht noch ein Testverfahren europäischer Kontrollbehörden. Besteht es die Puppe, könnte sie unbemerkt Kunden ausspähen und die Informationen dem Verkäufer zuspielen.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Moderne Überwachung entzieht sich eben oft dem Auge des Betrachters. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat dafür den Begriff liquid surveillance geprägt. Man sieht nicht die Wächter hinter den Kameras. Personen wandern als anonyme Datensätze durch Glasfasernetze. Die Kontrollinstrumente, falls überhaupt zu erkennen, sind mikroskopisch klein. Die soft power zeigt nicht die Faust in der Tasche. Im Frankfurter Museum für Kommunikation ist das anders. Hier weiß der Besucher von der ersten Sekunde an, worauf er sich eingelassen hat. Über eine lange Treppe, die eine stattliche Zahl von Kameras säumt, betritt er die Ausstellungsfläche. Manche der Kameras blinken rot, andere folgen den Bewegungen. Wer möchte, kann sich mit einer geschlitzten Tüte dagegen bewaffnen. Weil die billigen Plastikattrappen wenig bedrohlich wirken, lässt man es lieber.

          Das Eye See Mannequin ist nur auf einem Auge blind. Mit dem anderen soll es einmal Kunden beim Einkauf ausforschen.
          Das Eye See Mannequin ist nur auf einem Auge blind. Mit dem anderen soll es einmal Kunden beim Einkauf ausforschen. : Bild: dpa

          Es liegt nahe, die Schau als geistesgegenwärtige Reaktion auf die NSA-Enthüllungen zu begreifen. Die Idee ist jedoch älter und geht auf die Debatte um Privatheit und Google Street View zurück. Aus dieser Phase vor der Eskalation stammt wohl auch die Tendenz, das Thema mit äußerster Sorgfalt nach allen Seiten hin abzuwägen und die Objekte nicht als Vorgeschichte des späteren Exzesses zu präsentieren. Als Edward Snowden der Angelegenheit neuen Zündstoff gab, reichte die Zeit nur für geringfügige Aktualisierungen: ein Regal mit Erläuterungen zur NSA-Affäre und ein Glasfaserkabel mit Biegekoppler. Die anderen Regale füllt schweres Gerät aus früheren Epochen der Überwachung.

          Gleich blieb das Konzept, das ganz auf Historisierung der Kontrollgesellschaft setzt. Ein Verbotsschilderwald am Eingang lässt durchblicken, dass schon frühere Jahrhunderte Spaß am Überwachen und Strafen hatten. Groß waren damals Schaulust und Grausamkeit, mit denen Übertritte bestraft wurden. Davon zeugen Schandmasken und Schandtonnen, mit denen sich Delinquenten öffentlich bloßstellen mussten. Erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts verschwand der Pranger aus der amerikanischen Justiz. Ganz ist die Lust an der öffentlichen Demütigung aber nicht verschwunden. Ein besonders perfides Bild zeigt, wie sich eine verurteilte Diebin vor einem amerikanischen Supermarkt selbst denunzieren muss. Mit leichtem Schauder betrachtet man auch einen Film über Hacker, die sich über Computer in das Privatleben anderer Menschen hacken und es genüsslich ins Netz stellen.

          Was Tante Emma verborgen blieb

          Dass der Überwachungsapparat nicht über Nacht wuchs, ist keine sonderliche Überraschung. Die Frankfurter Schau sieht in zwischenmenschlicher Sozialkontrolle den Nährboden der Kontrollgesellschaft und zeigt, wie darüber im neunzehnten Jahrhundert mit Polizei und Bürokratie ein mächtiger Apparat wuchs. Auch die industrialisierte Wirtschaftswelt war nur mit stärkerer Disziplin betriebsfähig. Kontrolle, so die Botschaft, ist aus komplexen Gemeinwesen nicht wegzudenken. Sie wächst aus dem Wunsch nach Sicherheit, aus harmlosen Lastern wie Bequemlichkeit und Neugier. Schon Tante Emma wusste viel über ihre Kunden, wie Philipp Aumann, der Kurator, in der Podiumsdiskussion zur Eröffnung bemerkte.

          Nicht nur angesichts der NSA-Enthüllungen hinkt dieser Vergleich gewaltig. Hinter der modernen Überwachung stehen Geschäftsmodelle, geopolitische Machtkämpfe und Träume der Sozialingenieure. Es geht hier um opake und übermächtige Strukturen, die so schnell wachsen, dass die soziale und juristische Normfindung überfordert ist. Die Passivität nach dem NSA-Skandal ist da eher Ausdruck einer Ohnmacht als bewusste Einwilligung. Man sieht die Geschwindigkeit dieses Prozesses an einem Kurzfilm des Briten Chris Oakley, der in einem Einkaufszentrum spielt. Über jeden Kunden ist hier ein Feld mit Informationen gelegt, die Kameras im Abgleich von Datenprofilen ermittelt haben. Als Oakley den Film vor acht Jahren drehte, war das noch eine künstlerische Idee. Heute ist er zu nah an der Wirklichkeit.

          Warum schlucken moderne Individuen solche Auswüchse? Die Ausstellung erklärt es mit dem Doppelgesicht moderner Kontrollinstrumente. Sie schleichen sich beiläufig in den Alltag ein, wo sie auch positive Funktionen übernehmen. Wie der medizinische Butler, der zwar Unmengen an Patientendaten sammelt, aber auch körperliche Funktionen überwacht. Dicht an der Hysterie ist ein Kinderrucksack mit GPS für Helikoptereltern.

          Am Ende darf der Besucher nach Pass- und Gesichts-Scan das „Memopol“ des estnischen Künstlers Timo Toots betreten. In einer retrofuturistischen Dunkelkammer zeigt eine Schautafel, was das Netz über einen weiß. Stimmt die Prognose, bin ich in dreißig Jahren tot und schon heute sterbenskrank. Immerhin: Geburtsdatum, Geburtsort, Ausweisnummer stimmen. Der Pass-Scanner hat ganze Arbeit geleistet. Am Eingang leuchtet später mein Bild für jeden sichtbar auf einem Monitor, daneben mein Name. Hier ist tatsächlich etwas „Außer Kontrolle“ geraten.

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