https://www.faz.net/-gqz-6u82h

Überwachung : Kontrolle außer Kontrolle

Die Abschottung von Grenzen gegen Migranten von außerhalb der Eurozone, der Krieg gegen den Terror oder staatsanwaltliche Sonderermittlungen gegen Ärzte, die sich nicht hinreichend an amtlich verordneten Sparsamkeitskriterien orientieren, gehören in ein und dasselbe Zeitklima. Dessen gemeinschaftskundliche Lektion ist immer dieselbe: Verdächtige, Flüchtlinge und Überschuldete erwischt es zuerst. Wenn aber die liberalen Bürger nicht aufpassen, sind bald Selbständige und andere Leistungsträger dran. Wer die ohnehin Ungeschützten im Regen stehenlässt, gibt den Rest unfreundlichem Wetter preis.

Ein neuer Typ des Totalitarismus

Die Politologie hat versucht, den Begriff „Totalitarismus“ abhängig von Gesinnungsansprüchen diktatorischer Systeme zu definieren. Immerhin wusste der Romancier Orwell bereits vor sechzig Jahren, dass Unrechtstotalität eine Frage der Informationsverhältnisse ist. Sein „Televisor“ klingt freilich antiquiert neben dem „iPhone“. Seine Späher waren immerhin Personen. Die Totalität, die uns droht, ist dagegen eine rein negative, nämlich die ins politisch Allgemeine umgestülpte Asozialität partikularer Machtansprüche.

Lauscher greifen nach Desperado- oder Raubritterart ins Leben ein, setzen sich über dessen geschützte Barrieren hinweg und werden dabei zugleich immer wieder Klienten privaten Wirtschaftens mit Informationstechnik. Den Staatstrojaner haben nach allem, was plausibel ist, wohl nicht Beamte, sondern kommerzielle Anbieter programmiert. Das hierin enthaltene Paradox des Allgemeinwerdens der klandestinen, partikularen Aneignung und Verarbeitung von Information findet seinen Niederschlag inzwischen auch in der Fachsprache, wo etwa ein „Sniffer“ einerseits alle möglichen Tools bezeichnet, die Datenbeute in Netzwerken abgreifen, und andererseits ein eingetragenes Markenzeichen der Firma „Network General“ meint. Während individuelle Freiheit erodiert, respektiert man aus jeder Verantwortlichkeit entlassene Formen des Privateigentums weiterhin - sogar so fromm, dass noch das Einbrecherwerkzeug der Entrechtung ordnungsgemäß im digitalen Gemischtwarenladen gekauft und abgerechnet wird.

Der überfällige öffentliche Streit um die neuen Unrechtsquellen hängt, zeigt der Fall, nicht nur mittelbar zusammen mit der Auseinandersetzung um Patente für Software oder medizinische und agrikulturelle Biotechnik. Die Festlegung der Rechtsverhältnisse zwischen Produzenten und Konsumenten von Information kann, genau wie bei denen zwischen Produzenten und Konsumenten von Energie, nur als neue Gestalt der sozialen Frage politisch werden. Eine Debatte um Ausschluss und Zugang unter demokratisierten Gebrauchswertbestimmungen ist vonnöten. Als abstrakte Auseinandersetzung um rein kommunikationsabhängige Entwürfe etwa einer „Peer-to-peer-Ethik“ jedoch wird sie bloß Illusionen über den heute schon von allerlei Zugangsberechtigten suggerierten angeblichen Freiheitszuwachs durch das Netz als solches nähren. Ob die Schwarmintelligenz ein Fortschritt gegenüber der Konkurrenzraserei der alten Leistungsgesellschaft ist, hängt davon ab, wer ihre Früchte erntet.

Herrschaft und Recht

Die auf dem Stand der Technik funktionierenden Werkzeuge der Kontrolle selbst sind für die Kontrolleure schwer kontrollierbar geworden. Die gegenwärtige Zivilisation, die als erste menschliche Vergesellschaftungsform extensiv übermenschliche Kapazitäten der Informationsverarbeitung freigesetzt hat, wird dem in ihrer Rechts-, Wirtschafts- und Verwaltungspraxis Rechnung tragen müssen. Herrschaft und Rechtlichkeit werden vor unseren Augen irreversibel unvereinbar.

Der Staat kann nur noch entweder Werkzeug des allgemeinen informierten Rechtsausgleichs oder steuerungslose Verkörperung sozialisierter Ohnmacht sein. Die Denunzianten und Agenten der Tyrannei, einst romantische Schurken aus Fleisch und Blut, sind zu bloßen Sachen verblödet, zu bewusstlosen Zeichenketten, die lebendige Menschen behelligen und beschnüffeln. Legen wir sie an die Leine.

Weitere Themen

Werner Herzog stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

Filmfestspiele in Cannes : Werner Herzog stellt neuen Film vor

"Family Romance, LLC" erzählt die Geschichte darüber, dass man in Japan Menschen mieten kann, damit sie zum Beispiel die Rolle toter Verwandter einnehmen. Werner Herzog zähltzu einem der wichtigsten Vertreter des „Neuen Deutschen Films".

Triumph der Antiheldin

Zweite Staffel „Fleabag“ : Triumph der Antiheldin

Leben ist, wenn man aus den Trümmern herauskriecht und weitermacht: In der zweiten Staffel von „Fleabag“ taumelt Phoebe Waller-Bridge von einem Schlamassel ins nächste. Wer mutig ist, dem geht dabei das Herz auf.

Die Chimäre aus der Au

Karl Valentin : Die Chimäre aus der Au

Wilhelm Hausenstein hat Karl Valentins Laufbahn mit wachem Geist beobachtet. Sein Essay über den großen Komiker und Verwandlungskünstler lohnt auch nach mehr als siebzig Jahren die Lektüre.

Topmeldungen

Moskau und die Europawahl : Im Informationskrieg

Kremltreue Kräfte wollen deutsche Wähler manipulieren. Frühere Agenten von CIA und NSA haben Indizien zusammengetragen, die Russland belasten. Eine Spurensuche.
Ein kleines Boot im Illulissat-Fjord vor Westgrönland.

Meeresanstieg um 2 Meter : Polarforscher verschärfen Warnung vor Eisschmelze

Diese Warnung stellt alle Klimaberichte in den Schatten: Das Meer steigt um zwei Meter, 187 Millionen Menschen könnten in den nächsten drei Generationen ihr Zuhause verlieren. Ein beunruhigendes Klimawandel-Update von 22 Polarexperten.

Nordkorea : Steigender Unmut, verschärfte Töne

Beschlagnahmter Frachter, verstopfte Kommunikationskanäle: Monate nach dem gescheiterten Gipfel in Hanoi steht es nicht gut um den politischen Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel. Auf der Sachebene aber gibt es Hoffnung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.