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Überwachung am Arbeitsplatz : Aufrecht sitzen, sonst gibt es einen Stromstoß!

  • -Aktualisiert am

Ein Fujitsu-Mitarbeiter präsentiert Wearables. Die Gadgets erleichtern die Arbeit, können aber auch zur Überwachung eingesetzt werden. Bild: AFP

Die Zukunft sieht äußerst ungemütlich aus: Umfassende Überwachung am Arbeitsplatz und zu Hause wird Standard. Was als Werkzeug für freiwillige Selbstoptimierer begann, könnte bald in Firmen Schule machen.

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          Google und Apple propagieren seit kurzem die futuristische Vision komplett automatisierter Wohnhäuser, deren Wände und Bewohner mit winzig kleinen, starken Sensoren ausgestattet sind. Was ist schlecht an einer Zukunft, in der tragbare Technologien – intelligente Brillen und Kontaktlinsen, aber auch Uhren und Kleidung, die unsere körperlichen Aktivitäten messen – unser Freizeitverhalten transformieren?

          Diese Transformation des Wohnens ist nur die eine Seite. Tragbare Sensoren werden auch die Bürowelt verändern – und hierzu schweigen Apple und Google. Kein Wunder, denn dieses Thema eignet sich eher für dystopische als für utopische Visionen. „Wearables“ mögen die Produktivität steigern und Kosten senken, aber sie arbeiten mit Sensoren, die eine ständige und umfassende Überwachung der Mitarbeiter ermöglichen.

          Selbstoptimierung oder Überwachung von außen?

          Nehmen wir nur die beiden jüngsten Innovationen, die in wenigen Monaten auf dem Markt sein werden. Das eine ist eine intelligente Uhr namens Spark, die bei Kickstarter angepriesen wird als „Armbanduhr, die dafür sorgt, dass Sie nie mehr einschlafen, wenn etwas Wichtiges in Ihrem Leben passiert“. Mit Hilfe von Sensoren, die die Frequenz von Körperbewegungen messen, kann Spark erkennen, ob man wach ist. Und sobald man einnickt, fängt Spark an zu vibrieren.

          Eine andere Innovation ist Pavlok, ein intelligentes Armband. Der Nutzer gibt ein, welche Dinge er unbedingt tun will (ins Fitnessstudio gehen! Um sieben Uhr aufwachen! Täglich zehn Seiten Heidegger lesen!), und wenn man seine Vorhaben nicht umsetzt, wird man mit einem Stromstoß bestraft. Da all diese Aktivitäten – ob Jogging, Schlafen oder Lesen – per Smartphone verfolgt werden können, ist es kinderleicht, solche Strafen zu verhängen, denn die meisten unserer täglichen Aktivitäten, in digitalen Code übertragen, können inzwischen katalogisiert und individuell analysiert werden.

          Diese Gadgets werden zwar als Hilfsmittel für Menschen beworben, die ihr Privatleben optimieren wollen, aber sie sind auch in der Arbeitswelt willkommen, wo zunehmend erkannt wird, dass tragbare Technologien neue Möglichkeiten der Analyse und Optimierung von Arbeitsabläufen bieten. Im vergangenen November stand in der „Harvard Business Review“ ein kurioser Artikel über die wachsende Bedeutung von „Physiolytik“ – ein hässlicher Begriff, der die zunehmende Integration von tragbaren Technologien und Softwareprodukten zur Kontrolle von Arbeitsabläufen und Produktivität beschreibt. Der Autor des Beitrags verhehlte nicht, dass Physiolytik nur eine neue Variante des Taylorismus ist, bei der hochentwickelte Sensoren und Softwareprodukte einfach zum Sammeln und Analysieren von Daten einsetzt werden.

          Jede Bewegung wird aufgezeichnet

          Kein Wunder, dass inzwischen so viele Start-ups auf den Markt für Wearables drängen. Unternehmen können für solche Dinge sehr viel mehr Geld ausgeben als der individuelle Verbraucher. Nehmen wir das Start-up XOEye Technologies, das intelligente Brillen speziell für Fabrikarbeiter anbietet. Die XOEye-Brillen sind anders ausgestattet als die Google-Brille, sie funktionieren mit Schaltknöpfen und nicht mit Stimmsignalen, weil es in Fabriken zu laut ist – aber sie sind mit speziellen Features ausgestattet, die eine Überwachung erlauben.

          Diese Brillen haben beispielsweise Bewegungssensoren, die erkennen, wenn sich ein Arbeiter bückt. Dies wird als „biometrisches Ereignis“ registriert und in einer Datenbank gespeichert. Wie der Gründer von XOEye in einem Gespräch mit „PCWorld“ erklärte, geht es dabei um die folgende Idee: „Wenn ein Arbeiter sich mehr als sechzigmal am Tag bückt, könnte er irgendwann Rückenprobleme bekommen. Das Unternehmen könnte den Arbeitsplatz also umgestalten oder den Betreffenden in eine andere Abteilung versetzen.“

          Aber selbst wenn Ihre Firma sich diese Brille nicht leisten kann – sie kostet fünfhundert Dollar plus monatlich neunundneunzig Dollar für das Datenmanagement –, so könnte sie vielleicht eine Lumo Back für Sie anschaffen, einen hauchdünnen Sensor, der an der Hüfte getragen wird und kontrolliert, in welcher Haltung Sie den ganzen Tag auf Ihrem Schreibtischstuhl sitzen. Sobald er registriert, dass Sie nicht gerade sitzen, erinnert er Sie durch Vibrieren daran, dass Ihr Rücken ein kostbares Gut ist, auch für die Firma. Arbeitgeber schaffen lieber ein paar Brillen und Haltungssensoren an, statt Krankenversicherungsbeiträge und Arztkosten bezahlen zu müssen – und womöglich einige ihrer besten Leute zu verlieren.

          Messbare Kreativität

          Einsparungen können sich zu beträchtlichen Summen addieren. Appirio, ein Technologieunternehmen mit tausend Mitarbeitern und Niederlassungen in Amerika und Indien, hat vierhundert Mitarbeiter mit Sensoren ausgestattet, die ihre körperliche Bewegung überwachten. Anhand der Daten wurde der Krankenversicherer dazu gebracht, die Beiträge um 280000 Dollar zu reduzieren, da man nachweisen konnte, dass die Mitarbeiter sich mehr bewegten und mehr Sport trieben als angenommen.

          Es gibt Überwachungstechnik, die noch mehr Anklang finden: Das Bostoner Start-up Robin stattet Büroräume mit Sensoren aus, die drahtlos mit den Smartphones der Mitarbeiter kommunizieren, so dass Vorgesetzte und Kollegen sofort wissen, wer gerade den Raum betreten hat (das „wer“ beschränkt sich keineswegs auf Namen, sondern erstreckt sich auch auf die Facebook- und LinkedIn-Seite des Betreffenden). Genau so funktionieren soziale Netzwerke schon heute mit ihren automatischen Postings und ständigen Benachrichtigungen. Das Ganze erreicht nun die Arbeitswelt.

          Sogar Kreativität kann in Echtzeit gemessen werden, und zwar mit Hilfe eines Stirnbands, das die Hirnströme misst. Das Start-up Melon bringt die ersten Modelle gerade auf den Markt. Wie es im „Harvard Business Review“ heißt, können Nutzer einen besseren Einblick in ihre kognitiven Muster gewinnen, da dieses Stirnband „die Spitzen der Gammawellen misst, die Millisekunden vor einem ‚Aha-Moment‘ auftreten – Daten, mit deren Hilfe Nutzer erkennen können, zu welcher Zeit sie vermutlich besonders kreativ sind“.

          „Digitaler Taylorismus“

          Aber nicht nur Kreativität kann man so gut analysieren, sondern auch Negativität. Manche Unternehmen versuchen, durch eine Analyse all dieser gesammelten Daten herauszufinden (und hier treffen Sensoren, Algorithmen und Big Data aufeinander), ob Mitarbeiter sich mit dem Gedanken tragen, zu kündigen oder zur Konkurrenz zu gehen. Auf diese Weise lässt sich das emotionale Wohlbefinden von Mitarbeitern in eine Risikoskala übersetzen, die Aufschluss gibt, ob und welche Schwierigkeiten sie der Firma möglicherweise bereiten werden.

          Und so toll es sein mag, dass wir mit unseren intelligenten Brillen Urlaubsfotos machen können, die privaten Einsatzmöglichkeiten von tragbaren Technologien sind, verglichen mit denen in der Arbeitswelt, trivial. Aber die Begeisterung, mit der diese Geräte als revolutionäre Errungenschaften angepriesen werden, verschleiert, dass sie nur eine Fortsetzung anderer Formen von Arbeitsplatzüberwachung sind.

          Wir nennen es „Physiolytik“, „Big Data“ oder „tragbare Technologie“, zutreffender ist der Begriff „digitaler Taylorismus“. In einer Hinsicht gehen die Gadgets aber deutlich weiter als der Taylorismus. Da sie auch Daten und Aktivitäten aus dem Freizeitbereich verwenden, tragen sie dazu bei, dass die Logik der Arbeitswelt inzwischen selbst diejenigen Lebensbereiche beherrscht, die ihr bislang noch nicht unterworfen waren.

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