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Überwachung am Arbeitsplatz : Aufrecht sitzen, sonst gibt es einen Stromstoß!

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Aber selbst wenn Ihre Firma sich diese Brille nicht leisten kann – sie kostet fünfhundert Dollar plus monatlich neunundneunzig Dollar für das Datenmanagement –, so könnte sie vielleicht eine Lumo Back für Sie anschaffen, einen hauchdünnen Sensor, der an der Hüfte getragen wird und kontrolliert, in welcher Haltung Sie den ganzen Tag auf Ihrem Schreibtischstuhl sitzen. Sobald er registriert, dass Sie nicht gerade sitzen, erinnert er Sie durch Vibrieren daran, dass Ihr Rücken ein kostbares Gut ist, auch für die Firma. Arbeitgeber schaffen lieber ein paar Brillen und Haltungssensoren an, statt Krankenversicherungsbeiträge und Arztkosten bezahlen zu müssen – und womöglich einige ihrer besten Leute zu verlieren.

Messbare Kreativität

Einsparungen können sich zu beträchtlichen Summen addieren. Appirio, ein Technologieunternehmen mit tausend Mitarbeitern und Niederlassungen in Amerika und Indien, hat vierhundert Mitarbeiter mit Sensoren ausgestattet, die ihre körperliche Bewegung überwachten. Anhand der Daten wurde der Krankenversicherer dazu gebracht, die Beiträge um 280000 Dollar zu reduzieren, da man nachweisen konnte, dass die Mitarbeiter sich mehr bewegten und mehr Sport trieben als angenommen.

Es gibt Überwachungstechnik, die noch mehr Anklang finden: Das Bostoner Start-up Robin stattet Büroräume mit Sensoren aus, die drahtlos mit den Smartphones der Mitarbeiter kommunizieren, so dass Vorgesetzte und Kollegen sofort wissen, wer gerade den Raum betreten hat (das „wer“ beschränkt sich keineswegs auf Namen, sondern erstreckt sich auch auf die Facebook- und LinkedIn-Seite des Betreffenden). Genau so funktionieren soziale Netzwerke schon heute mit ihren automatischen Postings und ständigen Benachrichtigungen. Das Ganze erreicht nun die Arbeitswelt.

Sogar Kreativität kann in Echtzeit gemessen werden, und zwar mit Hilfe eines Stirnbands, das die Hirnströme misst. Das Start-up Melon bringt die ersten Modelle gerade auf den Markt. Wie es im „Harvard Business Review“ heißt, können Nutzer einen besseren Einblick in ihre kognitiven Muster gewinnen, da dieses Stirnband „die Spitzen der Gammawellen misst, die Millisekunden vor einem ‚Aha-Moment‘ auftreten – Daten, mit deren Hilfe Nutzer erkennen können, zu welcher Zeit sie vermutlich besonders kreativ sind“.

„Digitaler Taylorismus“

Aber nicht nur Kreativität kann man so gut analysieren, sondern auch Negativität. Manche Unternehmen versuchen, durch eine Analyse all dieser gesammelten Daten herauszufinden (und hier treffen Sensoren, Algorithmen und Big Data aufeinander), ob Mitarbeiter sich mit dem Gedanken tragen, zu kündigen oder zur Konkurrenz zu gehen. Auf diese Weise lässt sich das emotionale Wohlbefinden von Mitarbeitern in eine Risikoskala übersetzen, die Aufschluss gibt, ob und welche Schwierigkeiten sie der Firma möglicherweise bereiten werden.

Und so toll es sein mag, dass wir mit unseren intelligenten Brillen Urlaubsfotos machen können, die privaten Einsatzmöglichkeiten von tragbaren Technologien sind, verglichen mit denen in der Arbeitswelt, trivial. Aber die Begeisterung, mit der diese Geräte als revolutionäre Errungenschaften angepriesen werden, verschleiert, dass sie nur eine Fortsetzung anderer Formen von Arbeitsplatzüberwachung sind.

Wir nennen es „Physiolytik“, „Big Data“ oder „tragbare Technologie“, zutreffender ist der Begriff „digitaler Taylorismus“. In einer Hinsicht gehen die Gadgets aber deutlich weiter als der Taylorismus. Da sie auch Daten und Aktivitäten aus dem Freizeitbereich verwenden, tragen sie dazu bei, dass die Logik der Arbeitswelt inzwischen selbst diejenigen Lebensbereiche beherrscht, die ihr bislang noch nicht unterworfen waren.

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