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Übersetzungsfehler der „Ilias“ : Homers Göttin singt nicht

  • -Aktualisiert am

Bis heute sind nicht alle seine Rätsel gelöst: Homer, Autor der „Ilias“ und der „Odyssee“, wie das 19. Jahrhundert ihn sich vorstellte. Bild: INTERFOTO

Ein Übersetzungsfehler mit Folgen: Die „Ilias“ ist kein Musengesang, wie bisher stets angenommen wurde. Das Epos wendet sich vielmehr an eine weibliche Gottheit, die Titanin Themis. Sie soll über den Krieg von Troja zu Gericht sitzen.

          Menin aeide, Thea, Peleiadeo Akhileos / oulomenen, he myri’ Akhaois alge’ etheke: Den Groll singe, Göttin, des Peleus-Sohnes Achilleus,/den zugrunde richtenden, welcher den Achaiern unzähliges Leid brachte/und viele lebenskräftige Seelen dem Hades zuschleuderte...

          Gleich, in welcher Übertragung man den Anfang der „Ilias“ kennen mag – er ist bislang stets falsch übersetzt worden, zuletzt auch von mir. Denn niemand in der Antike, in keiner ihrer Kulturen, hätte es je gewagt, mit einem derart umstandslosen Imperativ wie: Sing, Göttin! vor eine Gottheit zu treten, bloß um sie zur Unterhaltung aufzufordern. Außerdem würde dies das gesamte Epos als von ihr diktiert ausweisen – während doch klar ist, dass Homer für die Abfassung verantwortlich zeichnet. Zwar wissen die Musen alles; dennoch vermag allein er es, aberhundert Namen achaischer und trojanischer Anführer samt ihrer Herkunftsorte aufzuzählen.

          Auch die gängige Interpretation, der zufolge es sich bei der angerufenen Göttin um eine Muse im herkömmlichen Sinn handelt, ist so nicht richtig. Keine der neun Schirmherrinnen über künstlerische und somit weltliche Werke hätte Status genug, um als Instanz über allem und allen zu stehen – auch den Göttern, deren intime Geheimnisse und egoistische Intrigen sie somit im Verlauf der Geschichte preisgeben würde. Um sie auf einen solchen Sockel zu setzen, müsste man dazu das Primat der Poesie über die Religion behaupten – etwas, das sich erst mit dem Hellenismus abzuzeichnen beginnt. Welche Göttin ließe sich sonst über Zeus erheben, dass sie so freimütig von dessen unmoralischen Umtrieben erzählen könnte? Weder Hera noch Aphrodite oder Athene kämen dafür in Frage – dafür werden sie in der „Ilias“ zu sehr der Lächerlichkeit preisgegeben, sind sie in ihren Rollen zu parteiisch, als dass ihnen die für ein Epos nötige unumstößliche Legitimation zukäme.

          Um der Adressatin der „Ilias“ auf die Spur zu kommen, muss man sich zuerst vom geläufigen Musenbild lösen. Denn im ältesten uns überlieferten griechischen Text, den bereits Homer als Vorlage nützte – der um 700 entstandenen „Theogonie“ des Hesiod –, werden die Musen ganz und gar nicht als Herrinnen der Unterhaltungskünste präsentiert; als solche stellte man sie erst sehr viel später dar. In der „Theogonie“ ist ihre wichtigste Aufgabe das Kommunizieren von Anordnungen, die das Zusammenleben der Menschen regeln; sie stehen deswegen auch Herrschern bei der Rechtsprechung zur Seite, auf dass deren Urteile Akzeptanz beim Volk finden. Sie vermitteln göttlichen Willen entweder durch Traumvisionen oder indem sie es „von ihren Lippen fließen lassen“ – in einem uneigentlichen Sprechen, bei dem „die dunkle Erde ringsum erschallt“.

          Muse oder Göttin? Von ihr wissen wir es: Clio, die Muse der Geschichte, wacht über den Frankfurter Paulsplatz. „Seid einig!“ mahnt die Inschrift auf ihrem Schild.

          Ein Kreis von göttlichen Stellvertretern

          Dieses Musenbild wurde in Hesiods Zeit im Zuge archäologisch bestens nachweisbarer Handelsbeziehungen aus Nordsyrien übernommen; die Euböer hatten dort einen als „al Mina“ bekannten Stützpunkt, der am Fuß des Weltenberges Saphon lag. Man weiß schon lange, dass die von der „Theogonie“ geschilderten Machtkämpfe der männlichen Götter Mythen wiedergeben, die sich um diesen Olymp an der kilikischen Grenze rankten. Weniger bekannt ist, dass am Berg gegenüber – dem durch Franz Werfel bekannten Musa Dagh – auch die höchste weibliche Gottheit ihren Sitz hatte. Sie wurde von den Hethitern Hepate, dort aber „Musu-ni“ genannt: die Ordnende, die Fügende, die Richtende.

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