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Überschuldetes Ruhrgebiet : Gestern noch Kulturhauptstadt, heute Armenhaus der Republik

Der Himmel über der Ruhr ist zwar schon lange wieder blau, aber die Aussichten sind dennoch trübe: Immer öfter bleibt der Rollladen unten. Bild: dapd

Löchrige Straßen, marode Fassaden: Sieht es wirklich so schlimm aus im Ruhrgebiet? Dank eines umfassenden Strukturwandels wurde viel erreicht, aber für die Zukunft nur wenig gewonnen.

          Im Rückspiegel plötzlich das Stadtwappen. Die Bundesstraße 8 quert hier den Schwarzbach, und der war, so steht es unter dem roten Löwen, der den blauen Anker hält, „Stadtgrenze bis zum 31. 12. 1974“. Dahinter kommt Wittlaer, ein Dorf, das damals nach Düsseldorf eingemeindet wurde; heute eine gefragte Wohngegend, gepflegte dreistöckige Mehrfamilien- und propere Einfamilienhäuser an der Straße, zum Rhein hin wird es teurer; am Ortsausgang ein „Garten-Center“, dann freie Landschaft, heckengesäumte Äcker und Wiesen, Niederrhein-Idylle. „Froschenteich“ heißt auf halber Strecke ein Weiler mit Biergarten und Obstanbau, die B 8 erreicht die Auffahrt auf die Krefelder Straße, links ein Landgasthaus und ein Bauernhof, dann die Abbiegung auf die A 59, die dreispurig nach Duisburg hineinführt.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwischen den Feldern verläuft irgendwo die Grenze, kein Bach, kein Zaun, nicht einmal ein Schild zeigt sie an. Unsichtbar trennt sie Arm und Reich, zwei Städte, wie sie so nirgendwo in Deutschland aneinanderstoßen: Düsseldorf und Duisburg, die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen und die - der Titel stimmt immer noch - „Stadt Montan“. Beide liegen am Rhein, sind kreisfrei und fast gleich groß: Düsseldorf hat 217 Quadratkilometer und 588.000, Duisburg 232 Quadratkilometer und 489.000 Einwohner. Düsseldorf hat den „Medienhafen“, Duisburg den größten Binnenhafen Europas. Von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof sind es 27 Kilometer, immer noch geht die Autobahn nicht ganz durch.

          Vernunftehe mit Etatstreitigkeiten und Eifersüchteleien

          Wirtschaftlich sind sie Ober- und Unterstadt: Düsseldorf ist schuldenfrei, Duisburg belasten 2,15 Milliarden Euro. In Düsseldorf arbeiten 357 000, in Duisburg 155 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die Arbeitslosenquote steht 9,1 zu 13,5 Prozent, das verfügbare Einkommen pro Haushalt 22 520 zu 15 968 Euro. Etwa 17 000 Menschen pendeln von Duisburg nach Düsseldorf zur Arbeit, knapp dreitausend in der Gegenrichtung. In Düsseldorf ist der Kitaplatz frei, in Duisburg zahlen Eltern, je nach Einkommen, bis zu 315 Euro im Monat. Im Fußball treffen sich beide in der zweiten Liga, die Fortuna spielt um den Auf-, der MSV um den Abstieg.

          Auch in Ungelsheim, dem ersten Vorort im Duisburger Süden, gibt es schmucke Einfamilienhäuser, in der Straße Am Heidberg noble Sechziger-Jahre-Villen. Die Immobilienpreise sind deutlich moderater als in Wittlaer, auch eine Prestigefrage: „Wer will schon ein ,DU’ als Kennzeichen haben?“, sagt ein Berufspendler, und in Angermund, etwas östlich davon, das 1975 Düsseldorf zugeschlagen wurde, ärgern sie sich, dass sie immer noch die Duisburger Vorwahl haben: 0203. In den fünfziger Jahren war Duisburg reicher als Düsseldorf, 1956 gründeten beide die Deutsche Oper am Rhein.

          Die Vernunftehe hat Etatstreitigkeiten und Eifersüchteleien überstanden. Doch jetzt ist sie akut gefährdet. Denn Duisburg, das nur elf der insgesamt 35 Millionen Euro Zuschuss trägt, wirtschaftet mit einem Nothaushalt und soll, so die Bezirksregierung, seinen Anteil auf 8,5 Millionen senken. Der reiche Nachbar versteht die Nöte, doch das Defizit ausgleichen möchte er, wo er doch schon die Tariferhöhungen übernommen hat, nicht. Sein Hilferuf geht ans Land.

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