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Oscar-Verleihung : La La Nacht

  • -Aktualisiert am

Wenn am Sonntag die Oscars verliehen werden, könnte es zu Überraschungen kommen. Doch vermutlich wird „La La Land“ abräumen, womit jene Grenzen wieder gezogen wären, die andere nominierte Filme öffnen.

          Haushohe Favoriten wie in diesem Jahr sind vor Oscar-Verleihungen nicht die Regel. Vor allem nicht in Jahren wie diesem, das aus dem Angebot einer erstaunlichen Vielzahl von auszeichnungswürdigen Filmen wählen kann. „Arrival“, „Hell or High Water“, „Manchester by the Sea“ oder „Moonlight“ wären alle verdiente Oscar-Gewinner als beste Filme. Gewinnen wird aber vermutlich „La La Land“. Denis Villeneuve, Kenneth Lonergan und Barry Jenkins wären würdige Regie-Preisträger. Gewinnen wird aber vermutlich Damien Chazelle für „La La Land“. So könnte man die Liste der Nominierungen durchgehen, und immer stünde am Ende: „La La Land“.

          Wird es so kommen? Gut möglich. Aber es könnte auch etwas ganz anderes passieren in der Nacht von Sonntag auf Montag, und wir sähen mit Barry Jenkins einen schwarzen Regisseur die Trophäe gewinnen, mit „Moonlight“ einen Film ohne eine einzige Rolle für einen Weißen, mit Mahershala Ali und Denzel Washington zwei schwarze Darsteller in den Haupt- und Nebenrollen, mit Ruth Nega, Viola Davis, Naomie Harris oder Octavia Spencer Farbige als beste Haupt- und Nebendarstellerinnen.

          Bei den Dokumentarfilmen steht heute schon so gut wie fest, dass es entweder der James-Baldwin-Film des Haitianers Raoul Peck, Ava DuVernays „13th“ oder „O. J.: Made in America“ von Ezra Edelman werden wird, allesamt Projekte von Farbigen über schwarze Themen. Das wäre was! Ein lautes Signal für die Vielfalt in der Kunst und im Land, für Substanz gegenüber Zuckerguss, für Engagement im Gegensatz zum Eskapismus. Aber auch ein Signal nach innen, in die Filmindustrie hinein, Türen für Menschen zu öffnen, die anders aussehen als die meisten, die an den entscheidenden Positionen der Studios sitzen. Denn von den in den Hauptkategorien nominierten Filmen kommt kein einziger mehr aus einem Studio, weil denen außer Franchises kaum noch etwas einfällt.

          Die Frage, ob Künstler Verantwortung tragen in und für die Zeit, in der sie leben, wird Sonntag Nacht vermutlich in den Reden, den Moderationen, den Danksagungen immer wieder mit heftigem Kopfnicken beantwortet werden. Auch wenn möglicherweise ein Film abräumt, der in dieser Hinsicht zur Seite tritt. Die versammelten Filmleute werden das Erbe Amerikas, aus der Vielfalt der Herkunft, aber auch aus der Sklaverei geboren, beschwören und gegen den amtierenden Präsidenten wettern und zur Wachsamkeit aufrufen. Aber lässt sich die Frage, welche Bedeutung dem Kino in unsicheren Zeiten zukommt, ausgerechnet in der Oscar-Nacht beantworten? Und ist die Antwort, die in dieser Nacht gegeben wird, irgendetwas wert? Es gibt mehr zu erzählen, wenn die Welt, von der erzählt wird, größer wird. Das zeigen die Nominierungen in diesem Jahr, in denen die Welt aus einem Armenviertel in Miami über Hollywood bis in den Weltraum reicht. Und so sollten auch die Oscars verteilt werden, von Miami über Hollywood bis in den Weltraum. Das wäre was! Vermutlich kommt es anders.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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