https://www.faz.net/-gqz-9o7sd

Überleben in Indonesien : Sieg der Fahrradrikscha

Transport von Menschen und Gütern in Yogyakarta, Indonesien: Hier ist die Fahrradrikscha - „Becak“ - noch unentbehrlich. Bild: Picture-Alliance

In Java halten sich noch Fahrradrikschas, die echten Nervenkitzel für den Fahrgast versprechen. Sie sind der tägliche Sieg über Lawinen aus Blech.

          Hier der harte Teil an der Sache: Man kommt sich in einer indonesischen Fahrradrikscha – Becak genannt, gesprochen „Betschack“ – ziemlich schutzlos vor, tendenziell Futter für die Wölfe. Die beiden Passagiere, die in ein solches Dreirad hineinpassen, sitzen in einem Frontlader, sind also die menschliche Stoßstange beziehungsweise personifizierte Knautschzone des Gefährts selbst, und das im lauten, miefigen Getümmel des völlig enthemmten indonesischen Straßenverkehrs, wo in jeder Sekunde Autos und vor allem Motorräder an einem vorbeizischen.

          Scheinwerfer? Gibt es nicht. Gelbe Streifenreflektoren, wie sie in Deutschland gefordert sind, „jeweils zwei pro Rad“, dazu „zwei voneinander unabhängige Bremsen“ und eine „helltönende Klingel“? Bitte vergessen Sie das ganz schnell wieder. Wir sind die lautlose Macht aus dem Dunkel. Vom Fahrer hinter uns hören wir vor allem Schnaufen und irgendetwas, von dem wir hoffen, dass es keine Gebete auf Indonesisch sind (denen wir uns aber sofort anschließen würden). Natürlich genießen wir auch die Vorteile, die so ein Frontlader hat: Als privilegierte Fahrgäste sehen wir alles ohne jegliche Sichtbehinderung. Deshalb sehen wir auch den Horrorfilm, wenn der Becak-Fahrer an einer großen Kreuzung so abbiegen will, dass er die Gegenfahrbahn kreuzt (in Indonesien herrscht Linksverkehr), und es ist in solchen Situationen, dass einem das Herz in die Hose rutscht.

          Genießen Sie die Fahrt

          Unser Fahrer nämlich setzt sich und uns kühn an die Spitze der ganzen stehenden Meute und tut so, als gehörte der Asphalt uns. Abermals fühlen wir uns den motorisierten Ungetümen ausgeliefert, die vorn an der roten Ampel – metaphorisch jetzt – ungeduldig mit den Hufen scharren, bevor sie losbrausen, um uns ganz unmetaphorisch zu überrollen. Dazu kommt es dann allerdings nicht, denn wenn die Ampel umspringt, erkennt man, dass die Entschlossenheit des Becak-Fahrers seine (also unsere) einzige Chance ist, die Kreuzung überhaupt zu packen. Wir sind ja so viel langsamer als die anderen, auch fragiler, man könnte uns pulverisieren, und nur die Frechheit des Becak-Fahrers bewahrt uns davor. Dann lehnen wir uns zurück und „genießen die Fahrt“, wie es in Reiseführern empfohlen wird, und plötzlich haben wir die Gewissheit, dass jeder Becak-Fahrer genau weiß, was er tut. Wäre er überhaupt noch da, wenn es anders wäre?

          Und wir erinnern uns des harten Überlebenskampfs, den die Becak-Fahrer seit langem führen. In Indonesiens Hauptstadt Jakarta mit ihren sechzehn Millionen Einwohnern zum Beispiel hat man sie vor dreißig Jahren buchstäblich aus dem Verkehr gezogen, weil sie zu langsam waren. Dabei gab die Becak Hunderttausenden Arbeit und Brot. Nur in Städten wie Yogyakarta, überhaupt in Java wagt sich die Becak noch in den Straßenkampf, und ginge es nach den Menschen, würde sie nie damit aufhören. Am Ende der Fahrt bleibt nichts als Bewunderung für den Becak-Fahrer, der uns für einen winzigen Lohn ans Ziel bringt, der Pferdewagen überholt, Motorräder überlistet und stinkende Autos auf Abstand hält, sagen wir mal: mindestens zehn Zentimeter. Es ist der kalkulierte Regelverstoß, die sanfte Auflehnung, der tägliche Sieg des Schwachen gegen Abgase und Blech: eine Heldentat, was sonst?

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Schlupfloch ins richtige Leben

          Hindsgavl Festival Dänemark : Schlupfloch ins richtige Leben

          Beim Hindsgavl Festival in Dänemark trifft sich inzwischen die Elite der europäischen Kammermusik. Der Gast taucht ein in eine unverwechselbare Synthese aus Musik, Natur und ökologischer Gastronomie.

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.