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Blumenberg über das Reisen : Der wahre Tourist tourt nicht

  • -Aktualisiert am

Auch bei Reisen an den Timmendorfer Strand empfiehlt es sich, die Beine hochzulegen. Bild: dpa

Im Durchschnitt halten sich jene Touristen, die nicht Strände frequentieren, kaum länger als zwei Tage an einem Reiseziel auf. In seinen „Schriften zur Technik“ befasst sich der Philosoph Hans Blumenberg mit dem Preis dieser Rastlosigkeit.

          Unter den gerade herausgekommenen „Schriften zur Technik“ des Philosophen Hans Blumenberg finden sich zweieinhalb Seiten, die auf den ersten Blick nicht von Technik, sondern von den Ferien handeln. Blumenberg beschreibt darin einen „Oberinspektor X.“, der seinen Urlaub seit zwanzig Jahren, „die Kriegszeit ausgenommen“, mit seiner Frau an derselben Stelle eines idyllischen Flusslaufs verbringt.

          Ihm werden Touristen kontrastiert. Sie, „an Gang und Gesicht gezeichnet“, entsteigen gerade, nach absolviertem Pensum von drei Domen und zehn Städten, einem Bus, um sich dort, wo der Oberinspektor sitzt, ebenfalls beim Wein von der Bildung zu erholen. Kurz darauf ziehen sie zu einer eigens für sie illuminierten Ritterburg weiter. Blumenbergs Stück war 1955 in den „Düsseldorfer Nachrichten“ erschienen, man darf es sich als einen Erlebnisbericht aus dem Rheintal vorstellen, wie er auch heute jederzeit möglich wäre. Seine Pointe ist, dass der wahre Tourist nicht tourt, sondern sesshaften Urlaub praktiziert. Das viele Erlebenwollen derjenigen, die Sehenswürdigkeiten aufsuchen, so der Philosoph, hebe den Erlebniswert des Gesehenen selbst auf.

          Die technische Steigerung der Erlebnisfrequenz

          Wäre der Tourist nicht mit Reiseliteratur bewaffnet, durch Prospekte und Bilder aus den Massenmedien vorbereitet, von Stadtführern und Bergführern und Wattwanderungskundigen begleitet, käme er in die Verlegenheit, „mit dem Unvermuteten fertig werden zu müssen“. Man weiß also schon aus Selbstschutz vor dem Unbekannten, was kommt. Das wiederum, die Abfertigung mit Formeln, spart die Zeit, die man braucht, um halb Europa oder auch nur „die Toskana“ in vierzehn Tagen zu schaffen. Im Durchschnitt, weiß die Statistik, halten sich jene Touristen, die nicht Strände frequentieren, kaum länger als zwei Tage an einem Reiseziel auf. Mancherorts – Heidelberg, Luzern, Chartres – sind es kaum mehr als drei Stunden. Blumenberg lag es fern, darüber kulturkritisch zu klagen. Er merkt nur an, dass das Bedürfnis, etwas anderes kennenzulernen als das eigene Zuhause, sich beschränken muss, soll es erfüllt werden.

          Wie vielfältig die Welt ist, erschließt sich nur, wenn nicht beliebige Mengen an Vielfalt durchlebt und durchtourt werden. Die technische Steigerung der Erlebnisfrequenz vertauscht Mittel und Zweck. Es geht nicht nur langsamer, nur langsamer geht es überhaupt. Das Eigene vom Fremden zu unterscheiden, was der Sinn des Reisens sein könnte, setzt wiederholte Begegnung mit demselben Fremden voraus. Und die Fähigkeit zu solcher Unterscheidung – für Blumenberg „der bare Bestand unserer Kultur“ – wird begünstigt durch Gelassenheit gegenüber der Besorgnis, man habe etwas verpasst, wenn man nie im Louvre war.

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