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Karen Krüger (kkr)

Italien und Merkel : Frauenhaus

  • -Aktualisiert am

Zu Gast in Rom: Angela Merkel beim Fototermin am Trevi-Brunnen anlässlich des G-20-Gipfels im Oktober dieses Jahres. Bild: dpa

Ein italienisches Schmuckhaus lädt zur Präsentation einer neuen Merkel-Biographie. Schicke Mailänderinnen erscheinen in Scharen, aber nicht des Buches wegen.

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          In Italien sagt man: Die Deutschen lieben Italien, respektieren es aber nicht. Die Italiener hingegen respektieren Deutschland, lieben es aber nicht. Eine Ausnahme ist Angela Merkel, sie wird vielleicht nicht geliebt, aber doch sehr gemocht. Und so lässt sich der erfreulich große Andrang an diesem Abend in Mailand leicht erklären. Die Gäste: vorwiegend Frauen, Typ gut gelaunt und teuer gekleidet. Der Ort: das altehrwürdige Manzoni-Theater, nur wenige Schritte von der Scala entfernt. Der Anlass: die Veranstaltung „Frauen, Führung, Würde, Rechte“, zu der das Mailänder Schmuckhaus Pomellato eingeladen hat.

          Massimo Nava, langgedienter Redakteur der Tageszeitung Corriere della Sera wird seine gerade erschienene, hochgelobte Biographie präsentieren: „Angela Merkel: Die Frau, die die Geschichte änderte“. Die Ernüchterung am Eingang: Angela Merkel, über die Nava so klug schreibt, ist gar nicht der einzige Köder für diesen Spendenabend zugunsten eines Frauenhauses. Pomellato verlost fünf Stücke seiner Kollektion, sagt die Hostess, den übrigen Damen braucht sie das gar nicht zu erklären.

          Merkel und teure Accessoires

          Der politische Abend ist in Wirklichkeit eine Tombola, das schöne Bild von der Popularität der Kanzlerin in gehobenen italienischen Kreisen gerät in Schieflage wie der Turm von Pisa. Ein Blick in die Runde: Gibt es unter den Anwesenden vielleicht auch solche, für die Geist und Glitzer gleichermaßen bedeutend ist? Geht das überhaupt: Merkel und Accessoires? Sicherlich, die Kanzlerin trägt gern Halsketten – von ihrer Lieblingsdesignerin aus dem Hunsrück. Aber Mailand ist nicht Idar-Oberstein, und Pomellato ist eine Luxusmarke, die für Merkels geliebten Bernstein höchstens ein müdes Lächeln übrighat.

          Während Nava vorne auf der Bühne etwas über Merkels politische Raffinesse und ihren Machtinstinkt sagt, schweifen die Gedanken ab, sie kreisen um das Loskärtchen in der Handtasche. Eine Online-Recherche auf dem Handy im Halbdunkel des Saals ergibt: Ein paar einfache Ohrstecker von Pomellato kosten 3500 Euro. Sehr hübsch anzusehen, verrät das Handy weiter, sind auch die Colliers, sie sind locker das Dreifache wert. Bevor man sich ganz durch den Onlineshop des Schmuckhauses durchscrollen konnte, ist Navas Redezeit schon vorbei.

          Auf der riesigen Leinwand, die den gesamten Bühnenraum einnimmt, ist jetzt die Senatorin Emma Bonino zu sehen, zugeschaltet aus ihrer Wohnung in Rom. Angela Merkel habe ihr von Anfang an sehr gut gefallen, sagt die Dreiundsiebzigjährige und zieht genüsslich an einer Zigarette: Etwa das Bestehen der Bundeskanzlerin auf den immer gleichen Schnitt ihrer Jacketts, die kurzen Haare, ihre beeindruckende Körperlichkeit – das alles sei so ganz anders als in Italien, wo von Frauen noch immer das Erfüllen von stereotyper Weiblichkeit erwartet werde. Ein wenig wird noch über das zu unterstützende Frauenhaus erzählt und um großzügige Spenden gebeten. Dann, endlich, die Ziehung der fünf Lose: Irgendwo im Saal wird gejubelt. Die Gewinnerinnen sind andere.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

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