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Nach der EU-Wahl : Die Zukunft ist düster oder gülden

Was wird jetzt aus Europa, diesem Bündel von merkwürdigen Traditionen und hochherzigen Zielen? Bild: dpa

Am Wochenende hatte Europa mal wieder mit seinen Verrücktheiten zu tun. Kein Wunder, dass Donald Trump, würde er sich für solche Sachen interessieren, nicht schlau aus diesem Kontinent werden könnte.

          Es ist schön zu wissen, dass die Beteiligung an der Europawahl in einigen Ländern deutlich höher ausgefallen ist als vor fünf Jahren, denn in unserem Berliner Wahllokal ging es ziemlich müde zu. Vielleicht haben die Leute die Pflicht guter Europäer auch gleich am frühen Morgen hinter sich gebracht. Hier und da liefen auf dem Smartphone Nachrichten zum Wahlsonntag ein, darunter ein Foto aus Steglitz. Eine gewisse Barbara hatte auf eine Tafel auf dem Gehsteig mit großen Kreidelettern das Wort „SEX“ gemalt. Und klein darunter: „Da ich nun Ihre Aufmerksamkeit habe: Am 26. Mai ist Europawahl.“

          Von anderer Seite erfuhren wir, dass ein neunjähriges Mädchen nicht mit in die Wahlkabine durfte, ein schreiendes Baby jedoch wohl. Die entscheidende Frage lautet nämlich: Können die Kleinen ausplaudern, wo die Großen das Kreuz gemacht haben? Und brüllende Babys lesen nicht. Brüllende Babys plaudern auch nicht. Bei Neunjährigen dagegen weiß man das nicht so genau. So hat Europa an diesem Wochenende mit seinen Verrücktheiten zu tun: einer mutmaßlich gestärkten Sozialdemokratie in den Niederlanden, einem Fiasko der Tories in Großbritannien, einer gewaltigen Steigerung der Wahlbeteiligung in der Slowakei, nämlich von dreizehn auf vielleicht unerhörte zwanzig Prozent, und vieles mehr.

          Ein Bündel von merkwürdigen Traditionen

          Kein Wunder, dass Donald Trump, würde er sich für solche Sachen interessieren, nicht schlau aus Europa werden könnte. Auch das Urbild des reisenden Amerikaners in Europa, Mark Twain, hat sich über unseren Kontinent immer wieder gewundert. Fand seine Kultur zu ernst, zu schwierig, zu arrogant, den Adel eine Zumutung, die Bürokratie eine Pest. Und Wagners Opern hätte er am liebsten als Pantomime aufführen lassen. Am Ende blieb Mark Twain aber zehn lange Jahre in Deutschland, England und Italien, mischte Abwehr mit Staunen und Bewunderung, schrieb einen Essay über die „schreckliche deutsche Sprache“, der wohl zum berühmtesten Ignorantenreport der Literaturgeschichte wurde, und als er 1907 in Oxford die Ehrendoktorwürde erhielt, war er der einzige Träger eines weißen Flanellanzugs in einem Heer von Pinguinen. (Er besaß mehr als zwanzig von ihnen, einen trug er auch im Sarg.)

          So einer war er. Ein bisschen anders. Und so fand er auch uns: ein Bündel von merkwürdigen Traditionen und hochherzigen Zielen. Hören wir also mal auf zu fragen, ob Europa auf dem Weg in die Krise oder aus der Krise ist, ob die Zukunft düster oder gülden ist. Sie ist beides. Der Historiker Andreas Wirsching hat es in seinem Buch „Der Preis der Freiheit“ hübsch formuliert. Die paradoxen Charakteristika der europäischen Geschichte, schreibt er, seien „permanente Angleichung in der Ungleichheit, Vereinheitlichung bei fortschreitender Differenzierung und neue Desintegration inmitten beschleunigter Integrationsprozesse“. Alles klar?

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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