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Alexander Chekmenev, „Frauenabteil“, Ukraine, 1999, aus seinem Buch „Lilies“ (Moksop, 2020). Bild: Alexander Chekmenev

Kolumne „Bild der Woche“ : Anstalt der Lilien

  • -Aktualisiert am

Vor zwanzig Jahren hat Alexander Chekmenev die Patientinnen und Patientin in einer „Psychuschka“ im Norden der Ukraine fotografiert. In seinen Porträts erreichen Eigenschaften und Stimmungen eine destillierte Form: Freude, Einsamkeit, Gnade, Furcht, Stille, Finsternis.

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          Ich habe das Buch geöffnet, und vom ersten Foto schaute mir dieses vertraute Gesicht entgegen. Das Licht vorne und das Lichtquadrat hinten halten den Blick der Frau in einem beleuchteten Fokus. Ich konnte nicht sagen, was genau mir so bekannt vorkam und was mich dabei so ergriff. Ich wusste, dass ich mich irrte, ich konnte diese Frau niemals zuvor gesehen haben.

          Und doch grübelte ich hin und her, vielleicht nur, um hier zu verweilen, um Zeit zu gewinnen und sie weiter anschauen zu dürfen. Sie verlangte mich vollständig. Vielleicht war sie jemandem ähnlich, einer Schauspielerin, deren schwer definierbaren Blick von der Leinwand ich erwidert hatte? Ich googelte verschiedene Schauspielerinnen und hörte erst damit auf, als ich nur noch in Gesichter von Charlotte Rampling schaute – und dann staunte, wie ich mich so sehr hatte irren können. „Erkennen“ liegt oft jenseits von Ähnlichkeit.

          Dieses Bild ist vor zwanzig Jahren in einer „Psychuschka“ im Norden der Ukraine gemacht worden. Die Frau ist eine Patientin. Dieses Foto eröffnet das Buch „Lilien“ des Fotografen Alexander Chekmenev. Geordnet wie nach den Abteilen, kommen zuerst die Frauen der Anstalt und dann die Männer, immer frontal, immer einzeln, mit einer Lilie in der Hand, als wäre diese Blume eine Auszeichnung ihrer Besonderheit, ihres Loses. Im Hintergrund am langen Tisch sieht man immer eine Gruppe von Wartenden, auf manchen der Fotos so festgehalten wie auf den Bildern vom letzten Abendmahl. Durch die Fotoserie hindurch flimmert das Weiß des Personals.

          Das Wort „verrückt“ beschreibt im Deutschen eine Person, bei der etwas schief liegt, nicht in Ordnung, verschoben und versetzt. Im Russischen spricht man von Menschen, die aus ihrem „Verstand ausgestiegen“ sind. Das ukrainische Wort „Boschewilnyj“ hingegen trägt noch die frühchristliche Pietät gegenüber diesen Menschen in sich und bedeutet „der frei in Gott ist“ oder sogar „der frei vor Gott steht.“ Hier haben wir das Foto zum Wort.

          Die Patienten wohnen in einem großen Dorf-Haus: Fenster, Türen, hölzerne Tische, Ikonen – alles sieht häuslich und geborgen aus, auf die Wand des Essraums ist ein großes Fresko gemalt. Die Frauen warten, um fotografiert zu werden. Manche brauchen Hilfe dabei. Alle sind gebeten worden, zu lächeln. Auf dem Kühlschrank standen grünlich-gelbe Plastikblumen, die der Fotograf in die Hände der Patienten legte – Plastiklilien, Attribut ihres Evangeliums. Auf dem Foto verwandeln sie sich in sauberes Weiß.

          Und so entstand die Reihe der Lilien-Fotos: Die „Kranken“ sind so unterschiedlich, wie Menschen nur sein können, hell und fröhlich, düster und verschlossen, manche tragen erkennbare klinische Züge, als seien sie von der Krankheit „verdreht“. Sie sind so intensiv, als würden menschliche Eigenschaften hier eine destillierte Form erreichen. Freude, Einsamkeit, Gnade, Furcht, Stille, Finsternis.

          Wo das Lächeln beginnt

          Eine finstere Frau hält sich einen Finger an die Wange, dorthin, wo das Lächeln beginnt. Ein Mann ist mit seinen eckigen Formen einem Engel von Paul Klee irritierend ähnlich. Und ich erinnere mich plötzlich an eine Kiewer Kirche, in der Michail Wrubel am Ende des 19. Jahrhunderts die zwölf Apostel nach posierenden Patienten einer Anstalt gemalt hat.

          Diese Frau ist die einzige, die in Weiß gekleidet ist, ihre Lilie bildet keinen Kontrast wie bei den anderen, sondern löst sich in ihrem Gewand auf, sie drückt die Lilie an sich, als wären sie eine Einheit. Hat sie jemals ein Kind gehabt? Pflanzliche Ornamente auf der Wand, auf ihrem Kopftuch, auf dem Rock. Sie steht kurz vor Tränen, sie kann nicht mit dem Mund lächeln. Der Versuch dämmert in ihren Augen.

          Alles erscheint in christlichem Licht, auch die Lilien wirken wie eine Lichtquelle, nicht nur für die schwarz-weiße Fotografie. Sie sind ein Attribut von Erzengel Gabriel. Was wird hier verkündet, worauf wartet man? Demütig verbeugt sich der Fotograf vor dieser Frau – denn durch seine zweiäugige Rolleiflex-Kamera schaut er nicht direkt durch die Linse, sondern nach unten, zur Erde hin.

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