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Anfeindungen gegen Lauterbach : Hassausbrüche im Lockdown

  • -Aktualisiert am

Berichtet von Anfeindungen: Karl Lauterbach Bild: Reuters

Im Gespräch mit dem „Spiegel“ berichtet der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach über die „verbale Brutalität“, der er ausgesetzt ist. Was passiert? Im Netz gibt es noch mehr Häme. Dem muss man entgegentreten.

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          Bei der „Welt“ ging es am späten Sonntagabend rund. Ein Reigen der Häme formierte sich um den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Dieser hatte zuvor auf Twitter geschrieben: „Erneut rollt eine Hasswelle über mich im Internet, mit Morddrohungen und Beleidigungen, die schwer zu ertragen sind.“

          Der „Spiegel“ hatte daraufhin bei Lauterbach nachgefragt und von ihm erfahren, dass er eine „neue Dimension der verbalen Brutalität“ erlebe, in Mails, Briefen und Wortmeldungen aus sozialen Netzwerken. Aufrufe zur Gewalt gegen ihn und seine Familie hätten ihn bewogen, sich von Sicherheitsexperten beraten zu lassen und sein Leben umzustellen. Als Auslöser der Attacken sieht er sein Eintreten für eine Verlängerung des Lockdowns, aber er wolle sich den Mund nicht verbieten lassen.

          Die „Welt“ machte daraus eine Online-Meldung – und die Kommentarspalte lief über. Der Tenor der Masse derjenigen, die im Schutz der Pseudonyme oder Kürzel schrieben: Selbst schuld, der Lauterbach. Ihm werde (meint Thomas R.) „geliefert wie bestellt. Wo ist sein Problem?“ „Wer Wind säht, wird Sturm ernten“ (Dr. J.M. Snuggles), „hat er sich redlich verdient“ (Jürgen F.), „wenn ich dem Herrn Lauterbach mal zufällig auf der Straße begegnen würde, könnte ich auch für nichts garantieren“ (norbert e.). Jetzt ziehe er die „Hass- und Hetzekarte“ (Grauer Raube), um sich als Opfer darzustellen, dabei solle er „nicht das Gesicht unaufgefordert in jede Kamera halten“ (Nix Wichtiges) und „einfach still sein“ (Grau M.).

          Das waren keine Einlassungen vom Kaliber „mit einem Baseballschläger die Zähne richten“, wie sie Lauterbach zitierte, aber in ihrer empathielosen Gleichgültigkeit bis zur Erbarmunglosigkeit dennoch typisch für Online-Hetze. Dass man etwas oder jemanden kritikwürdig findet (oder Hansi Flick es tut), wird zur Rechtfertigung für Hass. Dem Opfer wird die Schuld zugeschoben, mit einer Lässigkeit, als wäre es ein Avatar, kein Mensch.

          Klar müssen Politiker und andere Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, mehr aushalten können als Eremiten. Jammern wird ihnen kaum zugestanden (Renate Künast hat das auch erfahren). Aber bei Mord- und Gewaltdrohungen hört es auf, bloß ruppig zu sein, da wird es kriminell. Wer das für normal und selbstverschuldet hält, hat ein Problem mit der Demokratie. Haben entsprechende Leser-Kommentatoren sich bei der „Welt“ wohl gefühlt, weil diese die Lockdown-Politik besonders kritisch begleitet? Das konnte man ihr am Sonntagabend nicht vorwerfen, da stand ein Meinungsstück oben auf der Website, das die Osterurlaubswarnung des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer verteidigt. Beim „Spiegel“ war die Richtung vieler Kommentare unter dem Lauterbach-Interview genauso wie bei der „Welt“.

          Dort hat sich die Kommentar-Debatte im Lichte des Tages etwas zivilisiert, entweder weil die Moderatoren stärker durchgreifen oder weil im Hellen eher Besonnene das Wort ergreifen als nachts. Der Feind ist das Virus, nicht Herr Lauterbach, schreibt einer der Vernünftigen. So ist es. Auch dann noch, wenn der Druck auf dem Lockdown-Kessel Deutschland so groß ist wie jetzt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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