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Nach dem Impfgipfel : Impfmurks und Erkenntnis

Rund ums Impfgeschehen gibt es viel Aufklärungssimulation. Bild: dpa

Die Stunde der Stichwortgeber: Im Impfdiskurs werden laufend Meinungen zum Besten gegeben, die gut klingen, aber nicht sachdienlich sind. So entstehen unrealistische Erwartungen.

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          Wem fällt noch was ein? Wer weiß noch etwas besser? Der augenscheinliche Impfmurks ist auch eine Einladung für Schlauberger, ihren Senf dahingehend dazuzugeben, dass man ohne nähere Sachkenntnis Einfälle absondert, die doch irgendwie sachdienlich klingen und nur mal endlich ausgesprochen werden müssen, um dem Virus den Garaus zu machen. Man möchte so gerne mit im Boot jener Meinungsführer sitzen, deren Gedanken Geschichte schreiben.

          Anders gesagt: Wir haben nicht nur eine Impfkrise. Wir haben auch eine Erkenntniskrise, was die Behandlung höchst komplizierter, ziemlich spezieller Sachverhalte in der Öffentlichkeit angeht. Und diese Erkenntniskrise schlägt wiederum auf die real existierende Impfkrise durch, rahmt sie mit Stichworten, die ihren Realitätscharakter verfremden statt erhellen. So bleiben etwa die verzerrenden Effekte von nationalen Impf-Rankings unsichtbar, und insgesamt sorgt dieser Engpass der Erkenntnis für ein unkontrolliertes Erwartungsmanagement der Aufgescheuchten. Gerade weil die Zusammenhänge der internationalen Vertragssituation zwischen Politik und Herstellern des Impfstoffs zu einem Gutteil noch im Dunkeln liegen, gewinnen isolierte Logiken von aufgeschnappten Versatzstücken eine Eigenlogik, die sich nun auch um jene Kontexte nicht schert, die eigentlich leicht in Erfahrung zu bringen wären. Auf der Isolation von Logiken beruht jede Dramaturgie. Aber Aufklärung hätte die Zusammenhänge wiederherzustellen.

          Selig über jede Gretchenfrage

          Beispiel Zwangslizenzen. Auch wer vor einer Woche noch nicht die Bohne von dem seit hundert Jahren im deutschen Patentrecht verankerten Rechtsinstitut wusste, fuchtelt jetzt mit diesem Begriff herum, als sei er das Patentrezept zur Überwindung der beklagten Produktionsengpässe. Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – selig über jede mutmaßliche Gretchenfrage, auf die sie unter ihrem enormen Zeit- und Zuspitzungsdruck kommen – halten die Zwangslizenz als Stöckchen hin, worüber die Befragten, hier gerne so arglos wie uninformiert, nun meinungshalber zu springen haben. So kommt gleichsam über Nacht eine nationale Bewegung aller Gutwilligen und Aufgeklärten in Wallung, bei der die pandemisch gedrückte Welt zu singen anhebt, triffst du nur das Zauberwort: Zwangslizenz.

          Denn leuchtet das nicht ein: dass sich die Produktion steigern und beschleunigen lässt, sobald die Patentinhaber ihre Rezepte für die Produktion auf staatlichen Befehl hin an andere Firmen rüberschieben müssen, die wiederum nur darauf warten, ihre Hallen für die Herstellung und Abfüllung des von der Konkurrenz gekaperten Impfstoffs zu öffnen? Nein, das leuchtet eben nicht ein, zumal seit dem Impfgipfel vom Montag nicht. Das Naheliegende, so lernte man dort, liegt bei diesem Thema neben der Natur der Sache. Hätte man sich das noch vor kurzem vorstellen wollen, dass die beim Gipfel anwesenden Abgesandten der Chemieindustrie zu epistemischen Autoritäten werden, um die wechselnden medial induzierten Plötzlichkeiten zurechtzurücken?

          Ohne gönnerhaften Unterton

          Ingo Zamperoni wähnte sich denn auch hellwach, als er in den „Tagesthemen“ gegenüber dem Biontech-Chef Ugur Sahin bemerkte, dass dessen erneuerter Produktionsplan ja doch wohl immer noch unter dem Vorbehalt stehe, „dass auch etwas dazwischenkommen kann“. Was er, Sahin, denn dazu sage? Ja, das liege „leider in der Natur der Sache“, in deren „inhärenten“ Gesetzmäßigkeiten, gab der Impfstoff-Hersteller daraufhin einfühlsam, ohne jeden gönnerhaften Unterton zurück. Man betrete mit diesen Dimensionen der Produktion eines neuartigen Impfstoffs in jeder Hinsicht Neuland, so dass sich auch kleine technische Defekte verzögernd auswirken könnten. Was immer der Chemieboss damit zu verdecken trachtete – der fragend in den Zwangslizenzen herumstochernde Zamperoni hat es nicht aufgedeckt.

          Zwangslizenzen, entgegnete Sahin, seien schon deshalb nicht das Thema, weil es genügend freiwillige Kooperationen gebe, dreizehn derzeit allein bei Biontech, und ohnehin würden durch sinnvolle Auslagerungen der Produktion deren Prozesse nicht etwa beschleunigt. Jeder Kooperationspartner brauche auch erst einmal Monate, um in seinen Hallen beispielsweise die Abfüllung technisch zu ermöglichen. Insoweit sei auch Geld – neben der Zwangslizenz die zweite große grassierende Anreizidee – hier gar kein begrenzender Faktor. Zamperoni schien das alles zu glauben und doch wieder nicht. So ist das bei der aufgescheuchten Aufklärungssimulation: Die Dinge bleiben ungeklärt.

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