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Fälscher Beltracchi wird 70 : Die Welt will betrogen sein

  • -Aktualisiert am

Reiht sich selbstbewusst in sein „Gruppenbild der blauen Reiter“ ein: Wolfgang Beltracchi, geboren am 4. Februar 1951 in Höxter als Wolfgang Fischer. Bild: Picture-Alliance

Alles eine Frage der Stimmung: Meisterfälscher wie Wolfgang Beltracchi hatten mit „alternativen Bildern“ lange vor Trumps „alternativen Fakten“ immer wieder erstaunlichen Erfolg.

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          Es war einmal ein Meisterfälscher, der hieß Han van Meegeren und war ein niederländischer Maler und Restaurator. In den Dreißigern malte er das Bild „Christus und die Jünger in Emmaus“ und gab es als Vermeer aus. Lange fielen fast alle darauf herein. Sieht man das Bild heute, scheint es kaum zu fassen: Das Format ist viel zu groß für einen Vermeer, die Gesichter sind eindeutig jene der Neuen Sachlichkeit der späten Zwanziger, die Farben stimmen in ihrer Tonalität nicht. Zudem verwendete van Meegeren auch noch modernes Kobaltblau und Bleiweiß ohne Kupferanteil. Aber das schmale Werk von Vermeer sollte eben unbedingt erweitert werden; man wollte nicht glauben, dass bei nur zwei Dutzend Vermeers Schluss war, zumal anerkannte Experten die neuen Vermeers für echt hielten. Massensuggestion?

          Ähnlich verhielt es sich mit Konrad Kujau, der nicht nur dem „Stern“ die gefälschten Hitler-Tagebücher inklusive Führer-Flatulenzen auftischte. Auch hier wollten viele glauben, was mittels Kaffeesatz zur künstlichen Alterung der Buchseiten, Staub und viel Phantasie vom Fälscher erzeugt worden war. Authentischer Staub war auch eines der Erfolgsrezepte des Meisterfälschers Wolfgang Beltracchi. Auf Flohmärkten besorgte er sich originale Leinwände der zehner und zwanziger Jahre und entnahm für seine freien Erfindungen etwa von Gemälden Heinrich Campendonks den Staub aus den Leinwandtaschen der Rückseite.

          Das 1937 gemalte Bild „Christus und die Jünger in Emmaus“ des niederländischen Fälschers Han van Meegeren wurde einst als echter Vermeer und als „Fund des Jahrhunderts“ gerühmt.
          Das 1937 gemalte Bild „Christus und die Jünger in Emmaus“ des niederländischen Fälschers Han van Meegeren wurde einst als echter Vermeer und als „Fund des Jahrhunderts“ gerühmt. : Bild: Jasper Juinen

          Fragte man die betrogenen Käufer, wie sie auf die plötzliche Menge neuer Bilder von alten Meistern hereinfallen konnten, kam häufig die Antwort, Beltracchi habe auf einzigartige Weise die „Stimmung“ des jeweils gefakten Malers nachzuahmen vermocht. Noch vor Trump und dessen Erfindung „alternativer Fakten“ und vollständiger „Fake News“ traf er den Nerv der Zeit. Auf seiner Seite im Netz findet man heute einen wohlklingenden alternativen Begriff für Fälschung und Replik, nämlich „Free Method Painting“, das gleich darunter als „Die Geschichte nie gemalter Bilder“ erklärt wird – vorhandene Gemälde der Kunstgeschichte werden von Beltracchi als gutbezahlte Auftragsarbeiten weitergedacht und mit neuen Gesichtern versehen.

          Einmal im Leben kann Lieschen Müller so Mona Lisa sein. Um Herrn Müllers etwas in die Breite gegangenes Gesicht in die Kontur von Leonardos „Salvator Mundi“ einzupassen, muss sich Beltracchi in seinem „zweiten Leben“, wie er es nennt, schon mehr anstrengen. In einem 3Sat-Filmchen auf der Eröffnungsseite dieses glanzvollen Werbeauftritts im Netz, für dessen Inhalt die Bezeichnung „Doku“ nicht recht passen will, sieht man ihn in seinem Studio, wie er in das nachgeahmte Cranach-Bild einer Adeligen das Konterfei der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis einpasst. Nachdem diese das Porträt abgesegnet hat, schreitet der Alternativfaktenmaler mit seiner Frau stolz durch die Enfilade von Schloss Emmeram in Regensburg, als wären die dort hängenden Bilder alle von ihm. Die Welt will betrogen sein, und wenige können ihr dabei offenbar besser helfen als Beltracchi, der 1951 als Wolfgang Fischer geboren wurde und heute siebzig wird.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

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