https://www.faz.net/-gqz-pna8

Udo Jürgens : Die Liebe ist das Größte

  • Aktualisiert am

Auf der Sonnenseite: Udo Jürgens Bild: AP

Udo Jürgens hat den Roman seines Lebens geschrieben. Ein Gespräch mit dem Mann, der weit mehr ist als ein Schlagersänger, über Treue und Toleranz, Politik, Drogen und ein Lied, das „Türkischer Wein“ heißen könnte.

          Udo Jürgens hat den Roman seines Lebens geschrieben. Ein Gespräch mit dem Mann, der weit mehr ist als ein Schlagersänger, über Treue und Toleranz, Politik und Drogen sowie ein Lied, das „Türkischer Wein“ heißen könnte.

          Herr Jürgens, in Ihrem autobiographischen Roman reden Sie oft von sich selbst als dem „ewig Reisenden“. Wieso?

          Unsere Familie hat in vielen verschiedenen Weltgegenden gelebt. Zunächst in Moskau, dann kam die Flucht nach Schweden, später nach Deutschland, und mit dem Krieg haben sich zwei Heimaten gebildet. Eine in Österreich und eine in Norddeutschland. Dadurch habe ich von Haus aus diese Unstetigkeit mitbekommen. Und als Schauspieler oder Musiker ist man sowieso entwurzelt und lebt auf der Straße und in Hotels. Den Drang nach Seßhaftigkeit habe ich nie verspürt, höchstens als eine unerfüllte Sehnsucht, die meine Arbeit vorantreibt. Ich habe es meiner ersten Frau überlassen, ein Heim zu schaffen, denn damals gab es ja absolut keine Alternative zur persönlichen Karriere. In den fünfziger und sechziger Jahren mußte man hart arbeiten, wer nicht mitgehalten hat, ist auf der Strecke geblieben. Das hat keinen groß gekümmert. Ich habe diese Wirtschaftswunderjahre miterlebt und das andere politische Denken.

          Wo standen Sie damals politisch?

          Man hat sich, vor allem wenn man jung war, nicht bürgerlichen, sozialistischen oder konservativen Lagern zugerechnet. Wir haben unsere geistige Heimat auf einer Senkrechten gesucht, in einem Unten und Oben. Man mußte oben dabeisein - nicht durch Charakterlosigkeit, aber durch Fleiß.

          Was hieß oben?

          Das war die Philosophie der fünfziger Jahre: Ich will erfolgreich sein, und darum muß ich rackern und schauen, daß ich gute Leute kennenlerne und mich vorstellen kann. Ich wollte unbedingt nach oben.

          Haben Sie das auch manchmal als demütigend erlebt?

          Ich habe lange unter dem Existenzminimum gelebt. Das war schon etwas demütigend. Aber ich habe nie der Gesellschaft die Schuld gegeben. Es war schließlich die Nachkriegszeit. Das Land war kaputt, alles mußte wieder aufgebaut werden. Da waren Chancen und Aussicht auf einen Platz. So hat man das gesehen.

          Was haben Sie damals gesungen?

          Ganz am Anfang war ich ja gezwungen, aufzunehmen, was die mir hinlegten. Das war furchtbar, Cowboy-Lieder und Seemann-Songs. Eines hieß „Hejo, hejo, Gin und Rum“. Das waren so Lieder, die wohl Freddy Quinn abgelehnt hatte. Ich habe natürlich damit keinen Erfolg gehabt, weil ich nicht dahinterstand. Ich träumte von Gershwin und von Chansons. Damit war ich dann irgendwann auch erfolgreich.

          Wieso Chansons?

          An ihnen lernte ich, daß Lieder die Gedanken des Landes enthalten müssen, die Freude, aber auch den Schmerz und die Ängste, die ein Volk hat. Das tat ich dann sehr konsequent und habe so etwas wie „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ geschrieben mit sehr politischem sarkastischem Text. Da wurde ich heftig angefeindet, und zwar von links und rechts. Das war mir recht, denn ich wollte mich keiner politischen Idee anschließen, sondern dem Mann auf der Straße, der ja auch eher zwischen den beiden politischen Lagern steht.

          Damals haben Sie verschüchtert auf die Kritik reagiert. Hing das mit Ihrem Harmoniebedürfnis zusammen, von dem Sie auch heute noch sprechen?

          Sicher. Aber auch mit meiner Herkunft. Wir sind streng erzogenworden. Anständiges Benehmen in der Öffentlichkeit war zum Beispiel ganz wichtig. Das Lied hatte unvorstellbaren Staub aufgewirbelt, wurde von Radioanstalten verboten, vor denen dann wiederum für den Song demonstriert wurde. Ich war nicht stolz darauf, eine solche Kontroverse ausgelöst zu haben, war weder der Rock 'n' Roller noch der Revoluzzer, der auf die Straße geht. Das konnte ich nicht. Das mag sehr kunstfeindlich gewesen sein, und es wäre wohl besser gewesen, wenn ich schon damals etwas freier gewesen wäre.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die saudische Ölraffinerie in Abqaiq nach dem Anschlag

          Attacken auf Ölanlagen : Der Krieg, in den Trump nicht ziehen will

          Der amerikanische Präsident bleibt nach den Attacken auf saudische Erdölanlagen zögerlich. Einen Schlag gegen Iran scheut Trump – und überlässt die Entscheidung über das weitere Vorgehen Riad.
          Oftmals dauert die Diagnostik im Krankenhaus im Falle einer Sepsis zu lange – was zum Tod des Patienten führen kann. (Symbolbild)

          Tödliche Infektion : Ein Kampf um jede Stunde

          An einer Sepsis sterben jedes Jahr zehntausende Menschen. Fachleute kritisieren, dass es in Deutschland noch keine nationale Strategie gibt, um mehr Menschen retten zu können.

          Indiens Zukunftspläne : Modis Traumfabrik

          Bis 2024 soll Indien zur drittgrößten Volkswirtschaft aufsteigen – das wäre eine Verdopplung der bisherigen Wirtschaftsleistung. Die Realität sieht anders aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.