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Twittern im Museum : Von Tweet zu Tweet

  • -Aktualisiert am

Die Twitterer wurden von der Enkelin des Malers, Julia Geiger, und der Kunsthistorikerin Sandra Westermayer geführt; diese zeigten ihnen Werke aus dem Depot, erlaubten einen Blick in Geigers „Pigmentraum“. Julia Geiger beschrieb später in einem Blog die Erfahrung so: Es sei „ein wenig irritierend“ gewesen, „die tippenden Teilnehmer zu führen. Keine Blickkontakte, kein Feedback. Ziemlich verunsichernd!“. Wir hätten gerne noch länger darüber reden können, aber sowohl die Twitterer als auch die Mitverfolger da draußen“ hätten eine Pause gebraucht.

Eroberung der Öffentlichkeit

Was tut man nicht alles, um die Aufmerksamkeit der digitalen Nutzer zu gewinnen? Ist dies alles nicht Marketingquatsch? Christian Gries findet, die Tweetups seien ein „Gemeinschafterlebnis“ und überaus anspruchsvoll. Die digitalen Medien haben sich tatsächlich sehr verändert und sind nicht mehr die Simulation einer anderen Welt, wie „Second Life“ es prophezeite, sondern der kommunikative Erweiterungsbau der Museen.

Wenn die Museen die Technik nicht frühzeitig und sinnvoll nutzen, verlieren sie den Anschluss. Tweetups sind deshalb kein Spleen überdrehter Kunsthistoriker, die ihre Bildmotive wiederbeleben wollen, sondern eine Vermittlungsform, die gerade kleinen und von der Allgemeinheit wenig verwöhnten Institutionen ein Forum bietet. In den sechziger Jahren verließen die Künstler die Museen, um den öffentlichen Raum zu erobern. Jetzt wird die verlorengeglaubte Internetwelt über Tweetups wieder zurückgeholt; sie sind allerdings nur ein Vorschein auf einen möglichen Umgang mit digitalen Angeboten.

In München fand zum Beispiel eine Führung in der Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseums statt, parallel traf man sich auch im Schwäbischen Krippenmuseum in Mindelheim, andere wanderten durch Münchens Kirchen. Das sind definitiv keine Plätze, an denen man bislang schon digitale Nutzer angetroffen hätte. Bildmotive von den verschiedenen Orten wurden verglichen und diskutiert. Diese Weihnachtsaktion wurde dann bei Twitter zusammengeführt - mit einem twitternden Pfarrer, einem Experten zum Thema und natürlich den Einwürfen von den Nutzern zu Hause.

In Asien und Amerika sind Tweetups Alltag. Wer einen Termin verpasst hat, kann nachher alles in einer Tweet-Bibliothek nachlesen. Das American Museum of Natural History in New York etwa hat sein erstes Tweetup unter ein Thema gestellt: „Brain. The Inside Story“, also wie und warum wir in der Lage sind, Ärger und Scham zu fühlen. Auch in Deutschland häufen sich die Aktionen: Am 12. November hat das Berliner Ausstellungshaus für Fotografie c/o Berlin erstmals zum Tweetup eingeladen.

In der Hauptstadt nennt sich das Getwittere „#Museup“. Thema wird die aktuelle Ausstellung mit Bildern des großartigen Fotografen Joel Sternfeld sein. Mehr als die Hälfte der Personen auf der Teilnehmerliste sind übrigens Frauen. Das Ganze stellt demnach keine klassische Nerdaktion dar.

Die Tweetups machen niemandem Konkurrenz. Im Gegenteil. Es wäre schön, könnten sie die Sorge der Museen, dass wir unseren Blick ganz und gar der digitale Welt schenken, zumindest ein wenig mindern.

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