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Sexismus der Literaturkritik : Frauenphantasie

  • -Aktualisiert am

Thomas Mann, der Gatte an der Seite der tatkräftigen Katia Mann, bevorzugte für den Sommer Hut und Anzug in pflegeaufwendigem Elfenbein-Ton. Momentaufnahme aus dem Jahr 1946 in Pacific Palisades. Bild: EPA

Wie war wohl Thomas Mann als Gatte? Welche Kleidung bevorzugte Friedrich Dürrenmatt? Die Twitterkampagne „dichterdran“ spießt den Sexismus auf, mit dem Männer häufig über Frauen in der Literaturkritik schreiben.

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          Während die beeindruckende Katia Mann erfolgreich die Fabriken ihres Vaters leitete, kümmerte sich Gatte Thomas liebevoll um die Kinder. Daneben schrieb er Bücher.“ So vermeldet es die Journalistin und Buchautorin Simone Meier auf Twitter. Abgeschlossen wird diese Nachricht mit #dichterdran. Die Schweizer Literaturkritikerin und Journalistin Nadia Brügger zieht nach: „Friedrich Dürrenmatt plaudert aus dem Nähkästchen: In welcher Kleidung er am besten schreiben kann, worum er Max Frisch wirklich beneidet und wie sich die beiden dann doch immer wieder zusammenspannen, um sich unsere ganze Aufmerksamkeit zu sichern. Pure Männerpower eben!“ So oder ähnlich sehen die Tweets aus, mit denen derzeit auf Sexualisierung in der Literaturkritik aufmerksam gemacht wird.

          Überwiegend weibliche Nutzer schreiben unter #dichterdran über berühmte Schriftsteller, wie manche Literaturkritiker über Schriftstellerinnen schreiben: klischeeüberladen, auf deren Aussehen und vor allem Geschlecht reduziert, statt ihren beruflichen Erfolg hervorzuheben. Auslöser der Aktion war eine Literaturkritik im Schweizer „Tagesanzeiger“: Der Rezensent bewertete nicht nur das Buch der irischen Bestseller-Autorin Sally Rooney, sondern auch ihr Aussehen. Ihr Talent schmälerte er außerdem, indem er schrieb, einige Szenen könnten von Marivaux abgeschrieben sein. Nachdem Nadia Brügger auf Twitter ihren Ärger über diese Rezension preisgab, entstand zusammen mit Simone Meier sowie der Autorin und Regisseurin Güzin Kar die Idee für #dichterdran. Denn die „Tagesanzeiger“-Rezension ist kein Einzelfall, weshalb die Kritik daran viel eher dem sexistischen Mechanismus gilt, der dahintersteckt.

          Die drei Frauen haben sich als Antwort darauf für Ironie entschieden. Aber das inkriminierte Phänomen ist uns auch abseits der Literaturbranche nicht fremd, Frauen in anderen Branchen werden ebenfalls auf ihr Weiblichsein reduziert. Man kann also nur hoffen, dass die Aktion nicht nur weitergeht, sondern sich noch ausweitet. So könnte es dann unter #datendrang schon bald heißen: „Priscilla Chan ist amerikanische Kinderärztin und Mäzenin. 2015 kündigte sie an, im Laufe ihres Lebens über ihre Initiative 99 Prozent ihres Vermögens zu spenden. Gegründet hatte sie diese zuvor mit ihrem Ehemann Mark Zuckerberg.“ Oder #allwissend: „Steven Hawking spricht im Interview nicht nur über seine Arbeit zur allgemeinen Relativitätstheorie und schwarze Löcher, sondern verrät uns außerdem seine Lieblingsrezepte für den Sommer.“ Und #freiheitmode: „Christian Lindner sieht während unseres Interviews verträumt aus. Unsicher streicht er sich immer wieder über den Anzug. Ein schüchternes Lächeln umspielt seine Lippen.“

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