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#twitchleaks : Ach, guck an!

Die Offenbarung: Hacker haben den Quellcode des Videoportals Twitch offengelegt, und wie viel man dort so verdient. Bild: Getty

#twitchleak ist ein Desaster für das zu Amazon gehörende Videoportal, das zuletzt Probleme mit seiner als toxisch geltenden Community hatte. Doch das Leak zeigt, dass man dort auch mit Qualität gut verdient.

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          Schon wieder ein Datenleak. Betroffen ist das Streamingportal „Twitch“, das dies am Donnerstag bestätigte und bei dem sich Menschen dabei zusehen lassen, wie sie Dinge tun. Sie spielen, reagieren, kommentieren, schimpfen (über Menschen, die über sie schimpfen) und verdienen dabei ordentlich Geld. Das lässt sich anhand einer Liste überprüfen, die aus einem mehr als einhundert Gigabyte umfassenden, „ersten“ Datenpaket stammt, das Hacker nach ihrem Besuch auf den Servern des zu Amazon gehörenden Videoportals auf dem Messageboard „4Chan“ veröffentlichten.

          Die Liste umfasst mehr als 10.000 „Twitch“-Streamer, ihre Nutzernamen, IDs und Verdienste zwischen August 2019 und Oktober 2021. Auf „4Chan“ – selbst nicht gerade für sein gemäßigtes Publikum bekannt – erklärte einer der Hacker, die „Twitch“-Community sei eine „Jauchegrube“ und man wolle den Wettbewerb im Streamingmarkt fördern. Nun ergießt sich neben viel Häme auch der Neid in die Social-Media-Portale. Darüber, dass man mit „einem Hobby“ so viel „Cash“ machen kann.

          Der Impuls liegt nahe: Es gibt unter den ersten dreißig Plätzen Streamer, die mehr als 2 Millionen Dollar verdient haben, obwohl ihr kreativer Beitrag darin liegt, ihre Klamotten zu promoten, erfolgreichere Kollegen zu kopieren, sich beim Lachen zu filmen und Gags zu bringen, bei denen sich selbst Achtjährige stumm und beschämt abwenden würden. Gibt der Erfolg ihnen recht? Könnte man denken.

          Wer sich allerdings anschaut, was sich hinter dem kryptischen Namen „Critical Role“ verbirgt, der die Liste der „Twitch“-Topverdiener anführt, wird positiv überrascht sein. Keine Spur von Kesse-Lippe-Basecap-Geballer. Stattdessen ein Haufen Menschen, der sich beim Würfel-Rollenspiel filmt. Die Streaming-Kategorie nennt sich „Actual Play“ und erlebt, seit die Netflix-Serie „Stranger Things“ sich im Jahr 2016 vor dem Rollenspielklassiker Dungeons & Dragons (D&D) verbeugte, einen Boom.

          Der Erfolg und seine Bezahlung ließe sich in diesem Fall vielleicht auch damit rechtfertigen, dass die Mitglieder dieses Kollektivs auch außerhalb der Twitch-Blase Profis sind, nämlich Synchronsprecher, angeführt von Matthew Mercer. Auf Sendung sind sie seit 2015, ihr Publikum begeistern sie aber nicht nur, indem sie zu acht epische D&D-Abenteuer erleben, die oft von Mercer als „Dungeon-Master“ erzählt und von den Teilnehmern mit reichlich Showtalent ausgeschmückt werden. Auch Formate wie das „Narrative Telephone“ sind Hits. Das Format funktioniert wie stille Post, nur das eine detailreiche Geschichte erzählt wird, die von anderen Teilnehmern genauso detailreich nacherzählt werden muss. Mittlerweile hat „Critical Role“ eine eigene Comicreihe und eine Serie bei Amazon Prime. Es ist also nicht alles Jauche auf Twitch. Aber sehen Sie selbst.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

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