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Polnisch-jüdische Unterwelt : Der König von Warschau steigt wieder in den Boxring

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„Ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers“. Bild: Picture-Alliance

Warschau 1937: Die Stadt ist geprägt von der polnisch-jüdische Unterwelt. In dieser Zwischenkriegszeit setzt Szczepan Twardochs bravouröse Romanphantasie ein um Geld und Macht.

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          Warschau im Jahr 1937. Im Saal des städtischen Kinos gehen die Box-Meisterschaften zwischen dem polnischen Sportklub Legia und dem jüdischen Klub Makkabi zu Ende. Der Gewinner in der Schwergewichtklasse ist „ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers“: Jakub Shapiro, das Idol der jüdischen Zuschauer. Irgendwo unter ihnen sitzt der siebzehnjährige Mojsche Bernstein, der seine Eintrittskarte von Shapiro persönlich bekommen hat und ihm nun zusammen mit allen anderen begeistert applaudiert. An sich nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht ein schockierendes Detail, das der Leser auch gleich zu Beginn dieser ersten Szene des Romans erfährt: Mojsche ist der Sohn von Naum Bernstein, den Shapiro zwei Tage zuvor umgebracht hat.

          Er ist auch der Erzähler in Szczepan Twardochs Buch, das auf Deutsch „Der Boxer“, im polnischen Original „Der König“ heißt und eine Mischung aus schwarzem Krimi, Gangsterroman und historischer Phantasie mit authentischen Elementen ist. Letzteres gilt sowohl für Ereignisse als auch für Personen, und zwar auf beiden Ebenen der Handlung – der höheren, politischen, wo eine rechte Gruppierung um den Marschall Rydz-Smigly, den Nachfolger des 1935 verstorbenen Jozef Pilsudski, einen Putsch plant. Und der niedrigeren, die sich mit der anderen vermischt, sonst aber sehr spezifische Regeln befolgt.

          Machenschaften im jüdischen Viertel

          Hier geht es nämlich um den Teil der Warschauer Unterwelt, dessen Machenschaften sich auf das jüdische Viertel konzentrieren – und dessen Hauptakteure oft ihre Entsprechung im realen Leben hatten. Es fängt mit dem Chef der Bande an, Jan Kaplica, genannt der Pate, dessen Prototyp den klangvollen Spitznamen Tata Tasiemka trug (worauf der Originalname der Figur, Kum Kaplica, anspielt). Ihm, einem Polen, der Mitglied der Sozialistischen Partei war, dann aber sein Talent zum Gangstertum entdeckte, stehen zwei Helfer zur Seite. Der eine, Dr. Radziwillek, so genannt wegen seiner Schwäche für alte polnische Aristokratenfamilien, ist einem jüdischen Gangster nachempfunden. Und den anderen, Pantaleon Karpinski, hat es sogar wirklich gegeben, nur ohne die Deformation, die Szczepan Twardoch ihm verpasst: Auf seinem Hinterkopf befindet sich ein zweites Gesicht.

           Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018. 463 S., geb., 22,95 Euro.

          Der Mittelpunkt dieser Welt, in der sich alles um Geld, Alkohol, Prostituierte, Kokain, Waffen, luxuriöse Autos, gutes Essen und maßgeschneiderte Anzüge dreht, ist aber der Boxer Jakub Shapiro, Kaplicas rechte Hand. Er treibt für ihn Schutzgelder ein und hat kein Problem damit, diejenigen, die nicht zahlen wollen oder können, in den Warschauer Lehmgruben verschwinden zu lassen. Doch die jüdische Straße liebt ihn. Man nimmt ihm nicht einmal übel, dass in seinen Taschen immer eine Pistole, ein Schlagring und eine Menge Geld stecken und dass das, neben seiner Kraft, die Basis „seiner Macht und Bedeutung“ ist.

          Literarische Tabus und historische Mythen

          Die Liebe zu Jakub Shapiro hat allerdings ihre Grenzen, und zwar im topographischen Sinne des Wortes. Denn die Polen lieben ihn selten, manche hassen ihn sogar, und dieser Hass ist direkt proportional zu ihrer Stellung. Jemand wie der Sekretär des mit dem „Paten“ befreundeten Premierministers zum Beispiel hasst ihn allein dafür, dass er Jude ist, jemand also, der in seinen Augen kein Recht hat, „so stark zu sein, so gut auszusehen, so gut gekleidet und luxuriös motorisiert zu sein“. Und dafür, dass er „physisch Angst vor ihm“ hat und dass die Frauen ihn lieben.

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