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Polnisch-jüdische Unterwelt : Der König von Warschau steigt wieder in den Boxring

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Es sind einige literarische Tabus und historische Mythen, mit denen Szczepan Twardoch in seinem Roman bricht. Zum einen sind es all die Eigenschaften, die sein Shapiro tatsächlich im Übermaß verkörpert, die auch auf Frauen in seiner Umgebung abfärben („neue Frauen, Jüdinnen, wie die Welt sie nie zuvor gekannt hatte, sportlich, selbstsicher, stark...“) und die bisher polnischen Protagonisten vorbehalten waren. Zum anderen die Tatsache, dass die Beschreibung von Juden, die sich im jüdischen Elendsviertel wohl fühlten, die gar nicht den Ehrgeiz hatten, von dort auszubrechen und sich den Polen maximal anzunähern, jüdischen Autoren wie Julian Stryjkowski („Austeria“) oder Jozef Hen („Nowolipie“) überlassen wurde. Die polnischen erwähnten zwar gern die Exotik des Viertels. Zu den Protagonisten ihrer Bücher machten sie aber am liebsten solche Juden, die sich assimiliert hatten und sich selbst für Polen hielten.

„Das Paris des Nordens“

Und zum Dritten schließlich: Das War-schau der Zwischenkriegszeit ist bis heute in der Vorstellung vieler „das Paris des Nordens“ geblieben, eine schöne, freundliche, sich prächtig entwickelnde Stadt, deren harmonisches Bild sich auch im Leben ihrer Bewohner spiegelte. In Twardochs Roman hingegen gibt es gar keine Harmonie, eher eine starke Asymmetrie zweier sich fremd gebliebener Welten, der polnischen und der jüdischen, die höchstens eines verbindet: die Aussicht, bald gemeinsam in Dunkelheit und Chaos abzustürzen. Denn in seinem Warschau zieht ein Unheil heran, und wer es merkt, der sieht auch einen grauen Pottwal über der Stadt schweben, dessen flammendes Auge auf allem ruht und dessen großer Schädel die Schornsteine streift. Und wer ihn sieht, der verspürt große Unruhe, denn er weiß: „Pottwale beißen ihre Beute nicht und zerreißen sie nicht, sie saugen sie ein, verschlingen sie ganz.“

Boxtraining im Garten ines Cafés, 1931.

Auch diesmal also, denn er tat es bereits in „Morphin“ und in „Drach“, musste Twardoch eine metaphysische Kraft einführen und deren Anwesenheit durch regelmäßige Wiederholungen betonen – eine Manier, die zuweilen ermüdet. Sonst aber lässt er die sich anbahnende Katastrophe weit realere Formen annehmen: Die Putschpläne der extremen Rechten, begleitet von Demonstrationen, Straßenkämpfen, Schlägereien an der Universität, wo soeben Bankgettos und Numerus clausus eingeführt wurden, bringen 1937 auch den Alltag von Kaplica und seinen Gangstern durcheinander. Ihm selbst wird ein politischer Mord angehängt, wonach er nicht, wie üblich, für kurze Zeit ins Gefängnis kommt, sondern in das berüchtigte Lager Bereza Kruska im Osten Polens, wo er zu Tode gequält wird.

Damit bricht alles endgültig zusammen. Ein gnadenloser Unterweltkrieg bricht aus, in dem ein Tod den nächsten nach sich zieht, sodass auch Jakub Shapiro nicht viel anrichten kann, zumal sich unter den Opfern auch sein jüngerer Bruder Moryc befindet – ein Student der Warschauer Universität, der nur ein Ziel hatte: nach Palästina auszuwandern. Für einen Augenblick wurde auch Jakub schwach und wollte es, zusammen mit der ganzen Familie, ebenfalls tun. Doch ein Blick aus dem Fenster des startenden Flugzeugs genügte, um ihm zu vergegenwärtigen, wo sein Platz war: im jüdischen Warschau. Denn nur dort, machte er sich in dem Moment bewusst, „bin ich Jakub Shapiro, die Polizisten grüßen mich, die Mädchen lächeln mir zu, fromme Juden wenden empört den Blick ab, Faschisten und Markthändler fürchten mich“.

Und so kehrt Jakub Shapiro in sein Warschau zurück, um für die nächsten zwei Jahre dessen König zu werden. Dem Leser überlassen bleibt die Antwort auf die Frage, wer der wahre Erzähler dieses Romans ist: Wirklich der siebzehnjährige Mojsche Bernstein, den Shapiro unter seine Fittiche genommen hat, beziehungsweise seine spätere Ausgabe, General Aluf Mosche Inbar, der gegen die Araber im Nahen Osten kämpfte und nun in seiner Tel Aviver Wohnung seine Erinnerungen aufschreibt? Wenn ja, was bedeutet der Satz: „Aber vielleicht hat es mich gar nicht gegeben“? Und wer ist diese Frau, die ihn zwar verlassen hat, trotzdem aber immer wieder in seiner Wohnung auftaucht und Dinge sagt wie: „Können wir endlich dieses Märchen lassen, das du dir da ausgedacht hast, Jakub?“ Der Leser wird bei der Suche nach der Antwort genauso viel Spaß haben wie bei der Lektüre dieses nicht immer wahrheitsgetreuen und manchmal durch zu viele Vulgarismen irritierenden, alles in allem aber hochspannenden Romans haben.

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