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„Mordsfreunde“ im ZDF : Ich glaub’, mich knutscht ein Elch

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Personal steht unterfordert in der Landschaft: Kai Schieve (links), Tim Bergmann (Mitte) und Felicitas Woll Bild: Johannes Krieg

Bei den „Mordsfreunden“ aus dem Taunus gibt es zwar jede Menge Tiere und Wälder, ansonsten aber nur heillose Motiv- und Handlungs-Verwirrung. Kann uns mal jemand sagen, warum das ZDF immer weiter die Romane von Nele Neuhaus verfilmt?

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          Vor einigen Jahren sind im Opel-Zoo bei Kronberg im Taunus Erdmännchen in Massen ausgebrochen und auf die angrenzenden Wiesen geschwärmt. Die Ausgebüxten wieder einzufangen, so berichten Zooführer noch heute seufzend, war Schwerstarbeit. Immer wieder fanden die gewitzten Tiere neue Schlupflöcher im Gehege, buddelten und bohrten, tauchten sonstwo auf, bis ein Elektrozaun dem anarchischen Treiben ein Ende setzte.

          Dass diese Zoo-Episode in „Mordsfreunde“ zwischen all den anderen so gut wie zusammenhanglos geschilderten Vorkommnissen keinen Platz findet, müssen wir entschieden bemängeln. Obwohl wir auch nicht wissen, welche Rolle Erdmännchen auf der Flucht in diesem „Taunuskrimi“, der zum Teil in ebenjenem Zoo spielt, spielen sollten. Aber da geht es uns wohl wie den Drehbuchautorinnen Anna Tebbe und Julie Fellmann, die abermals die undankbare Aufgabe hatten, eines der Bücher von Nele Neuhaus in ein fernsehgemäßes Format zu überführen.

          Schon in „Schneewittchen muss sterben“ und „Eine unbeliebte Frau“ - den beiden ersten ZDF-Verfilmungen von Neuhaus-Romanen - war zu sehen, wie an den Hängen des Taunus die Reichen und Schönen sich gegenseitig um Hab und Gut betrogen, einander wahllos um die Ecke brachten und Baron von Bodenstein (Tim Bergmann) sowie seine Kollegin Pia Kirchhoff (Felicitas Woll) rätselratend der Logik in wechselnden Autos hinterherfuhren. Da die Handlung so unüberschaubar wie unplausibel war, erklärten sich die Kommissare gegenseitig das Geschehen. Ein Tiefpunkt aktuellen Fernsehschaffens, aus dem - so hieß es im ZDF - Konsequenzen gezogen werden sollten.

          Wieder geht die Dramaturgie nicht auf

          Deshalb ließ man sich im dritten Anlauf von der Autorin Neuhaus selbst beraten. Verpflichtet wurde mit Marcus O. Rosenmüller ein Regisseur, dem mehr zuzutrauen ist als „Best-of-Taunus-Tourismus“-Ansichten. Lokalkolorit statt austauschbarer Interieurs und Exterieurs, weniger unterfordert herumstehendes Personal. Ein roter Faden sollte gefunden werden in den ausufernden Romanen, in denen unzählige Personen an ebenso vielen verschiedenen Orten auftreten und auf praktisch jeder Seite neue Handlungsstränge geknüpft werden.

          Der Versuch ist gescheitert. „Mordsfreunde“ ist vielleicht ein Quentchen plausibler als seine Vorgänger. Wieder versprechen die Zutaten, es könne ein feiner böser Film werden. Aber wieder geht die Dramaturgie nicht auf. An Problemlagen wird wieder so ungefähr alles aufgeboten, was dem gemeinen Taunusbewohner zu schaffen macht.

          Das sind der Reihe nach: Der geplante Ausbau einer Bundesstraße mitten durch den schönen Mischwald, Korruption, militante Naturschützer mit unedlen Motiven, der Widerspruch von Vegetarierdasein und heimlichem Schnitzelessen, das Problem artgerechter Tierhaltung im Zoo („Tierknast“), Machenschaften der Taunus-Mafia mit Büros im kalten Frankfurt, tragische Familiengeschichten, tödliche Jugendsünden, falsche Männerfreundschaften, Hochbegabte mit Hang zu Regelverstoß und Kriminalität, Cyber-Mobbing, irritierendes Privatschulwesen, gelangweilte Lehrer plus ihre fragwürdigen Umtriebe mit wohlstandsvernachlässigten Jugendlichen, deren kruder Idealismus und die Schuftereien (im doppelten Wortsinn) der Altvorderen, Stalking und Entführung, Alleinerziehendenprobleme, Singleprobleme, Paarprobleme, Pferdeprobleme.

          Für das Authentische ist zwischen der Königsteiner Burgruine, Verliesen und schicken Delikatessengeschäften ein Bauerndarsteller zuständig, der ein paar Brocken Hessisch spricht. Weil Nele Neuhaus eine Tierliebhaberin ist, sehen wir viel Fauna im Bild (Kamera: Stefan Spreer). Statt erschrockenem Damwild sieht man dieses Mal allerdings Giraffen und Elefanten, in deren Grünfutter eine abgerissene Hand gefunden wird. Elche werden angekündigt, aber nicht gezeigt, desgleichen Dromedare. Ein roter Panda gähnt ausgiebig. Erdmännchen schauen um die Ecke. Ein Fohlen spielt eine Rolle als Liebesvermittler. Hunde werden geherzt. Tiere en masse, Wald im Überfluss, ansonsten heillose Verwirrung. Eine Top-Quote ist wiederum gewiss, aber hoffentlich nicht repräsentativ. Der vierte Film ist schon abgedreht. Der Titel: „Tiefe Wunden“.

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