https://www.faz.net/-gqz-8exmd

Fernsehmarkt : Eine Tür geht auf

Max Wiedemann und Quirin Berg im Kinosaal des Soho Clubs in Berlin. Bild: Jens Gyarmaty

Max Wiedemann und Quirin Berg werden die erste deutsche Serie für Netflix produzieren. Ein Gespräch über internationale Erzählformate, die NSU-Trilogie „Mitten in Deutschland“ und die neue Dynamik im deutschen Fernsehmarkt.

          5 Min.

          Vor 10 Jahren bekamen Sie den Oskar für „Das Leben der Anderen“, den ersten deutschen Film seit langem. Jetzt wurden Sie, man muss fast sagen, auserwählt, um die erste deutsche Serie für Netflix zu produzieren. Haben die sich gesagt: Wir nehmen die, weil die wissen, wie man ein amerikanisches Publikum erreicht?

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Berg: „Das Leben der Anderen“ ist natürlich ein Film, den immer noch sehr viele Leute schätzen, auch international. Darüber sind wir auch sehr glücklich. In diesem Fall war das aber nicht der wichtigste Punkt. Der aktuellere und für Netflix viel wichtiger Film war „Who am I“, den wir vor anderthalb Jahren mit dem Regisseur Baran Bo Odar gemacht haben. Der Film hat nicht nur im deutschen Kino viel bewegt, er kam auch international wahnsinnig gut an. Odar hat das Genre sehr heutig angelegt, sehr international. Trotzdem war das ein Film mit einer deutschen Handschrift, er versuchte nicht stilistisch irgendwelchen amerikanischen Vorbildern hinterherzurennen. Das wurde gesehen.

          Netflix-Chef Reed Hastings hatte zwischendurch behauptet, trotz angestrengter Suche in Deutschland „keine geeigneten Stoffe“ finden zu können. War es so schwer, ihn zu überzeugen?

          Berg: Wir haben über einen Zeitraum von anderthalb Jahren ein ganze Reihe von Ideen vorgeschlagen. Diese Phase diente erstmal dem Kennenlernen. Da ist klar, dass nicht die erste Idee funktioniert. Wir haben über die Zeit besser verstanden, was ihnen wichtig ist und konnten dann auch gezielter anbieten.

          Die Serie, „Dark“ soll sie heißen, wurde als Mysteryserie in einer typischen deutschen Kleinstadt angekündigt. Zwei Kinder verschwinden, die Welt ihrer Familien gerät ins Wanken, die Ermittlungen führen zurück bis ins Jahr 1986. Können Sie schon mehr verraten?

          Berg: Nein, dazu ist es noch viel zu früh. Normalerweise reden wir über unsere Projekte erst, wenn wir mitten im Dreh sind. Aber es macht natürlich Spaß, die Euphorie zu sehen. Es gab eine tolle Resonanz auch aus der Branche, viele Kollegen freuen sich mit uns.

          Wiedemann: Die Aufmerksamkeit ist natürlich auch dem geschuldet, dass es eine große Sehnsucht aller Filmemacher in Deutschland gibt, dass da eine neue Tür aufgemacht wird. Dass eine neue Art von Serienproduktion möglich wird. Dieser Erwartungshaltung sind wir uns natürlich bewusst. Umso wichtiger ist es für uns, jetzt auch zu liefern.

          Netflix hat die Serie als „unglaubliche deutsche Geschichte“ beschrieben. Trotzdem hat Netflix ja bei seinen Produktionen immer die internationale Verwertung im Blick. Wie deutsch darf es denn da sein?

          Berg: Es war schon der Wunsch von Netflix, etwas zu machen, was Lokalkolorit hat. Die haben international genug tolle Serien. Sie wollten etwas, das die deutschen Zuschauer besonders spannend finden.

          Amerikanische Erzählweise, deutsche Kulisse – ist das die Formel, auf die man es bringen kann?

          Berg: Ein deutsches Selbstverständnis bei Figuren und Setting - ja. Aber die Erzählweise wird in erster Linie der Handschrift von Bo und Jantje entsprechen. Und die wird meines Erachten ein deutsches Publikum genauso wie eines in Australien begeistert. Wir haben gemeinsam eine starke Vision und die empfinde ich als sehr eigenständig, nicht explizit amerikanisch oder deutsch. Wobei es sicher spannend sein wird, in fünf Jahren zu sehen ob sich in der internationalen Wahrnehmung eine andere typisch deutsche Erzählweise definieren lässt, die so klar und positiv ist wie z.B. die der Skandinavier heute.

          Wie wichtig ist es denn für Sie als Produzenten, dass diese Tür, von der Sie gesprochen haben, jetzt aufgeht?

          Wiedemann: Erst einmal ist es eine positive Entwicklung, dass neue Auswertungsformen dazukommen. Jeder Anbieter möchte durch hochwertiges Programm begeistern, es werden Leuchtturmprojekte realisiert, die das Alleinstellungsmerkmal der einzelnen Plattformen hervorheben sollen. Das ist für die Zuschauer eine positive Nachricht. Aber man darf das im Volumen nicht überschätzen. Es ist nicht so, dass Netflix von heute auf morgen zehn deutsche Serien in den Markt stellt. Diese Entwicklungen werden nicht die deutsche Produktionslandschaft von heute auf morgen verändern. Aber sie entfachen eine neue Diskussion um Inhalte, Erzählweisen und Qualität. Das wiederum motiviert alle Marktteilnehmer, sich zu behaupten – das sieht man auch im Free TV.

          Berg: Es ist sehr schön, dass es gerade so eine extrem positive Stimmung gibt und man neue Dinge mitprägen kann. Wir haben vor vier Jahren für Turner die erste Pay-TV Serie in Deutschland überhaupt gemacht und planen nun gemeinsam ein nächstes Projekt über arabische Clans in Neukölln, „Vier Blocks“. Und wir sehen auch was bei Amazon und Sky passiert. Aber auch bei den Free-TV-Sendern gibt es Bewegung.

          Eine Szene aus dem von Wiedemann & Berg für das ZDF produzierten Dreiteiler „Tannbach - Schicksal eines Dorfes“ mit  Henriette Confurius.
          Eine Szene aus dem von Wiedemann & Berg für das ZDF produzierten Dreiteiler „Tannbach - Schicksal eines Dorfes“ mit Henriette Confurius. : Bild: Stephan Rabold

          Warum hat sich das deutsche Fernsehen so lange so schwer getan, den Anschluss an die Qualität internationaler Fernsehserien zu finden?

          Berg: Die Qualität war schon da, aber nicht unbedingt die internationale Ausrichtung. Deutschland ist ein riesiger Markt. Es gab keine große Notwendigkeit, überhaupt irgendetwas zu hinterfragen oder zu verändern. Die Skandinavier zum Beispiel mussten, weil sie im eigenen Land ein überschaubares Publikum haben, immer schon etwas machen, was auch international funktioniert, sonst hätten sie es gar nicht finanzieren können. Deutschland ist da als Markt etwas selbstzufriedener. Aber genau das bricht gerade auf.

          Gibt es denn jetzt die Notwendigkeit?

          Berg: Es gibt sie ein bisschen mehr, weil neue Player auf den Markt drängen und alle etwas wachrütteln. Wobei es mir wichtig ist, zu betonen: Wir sprechen nicht darüber, dass plötzlich eine ganz neue Qualität entsteht. Auch in den letzten Jahrzehnten ist in Deutschland absolut hochwertiges Fernsehen und Kino entstanden. Die Qualität gab es immer. Aber jetzt gibt es eben neue Formen.

          Aber es war doch schon sehr schwer, Fernsehen für ein anspruchsvolleres Publikum zu machen. Da hieß es immer: Das ist ein Nischenprogramm.

          Berg: Viele der gefeierten Serien sind letztlich Nischenprogramme. Das darf man nicht vergessen. In einem noch größeren Markt wie Amerika - und auf Englisch gedreht - ist es natürlich leichter, diese Nischen zu beleben, weil die einzelnen Nischen groß genug sind. Wenn eine Sendung dort fünf Millionen Zuschauer hat, ist es immer noch ein Nischenprogramm. Hier wäre es ein Riesenerfolg. Aber das Schöne ist eben nun, dass es mehr Chancen gibt auch spitzeres Programm zu machen, für kleinere Zielgruppen, frei von den Prämissen des Mehrheitsfernsehens.

          Und umgekehrt scheint man dort mit einem solchen Publikum ganz zufrieden zu sein: „Breaking Bad“ hatte bis zur vierten Staffel im Schnitt zwei Millionen Zuschauer. Und wurde trotzdem immer wieder fortgesetzt. Wenn eine Serie hier zwei Millionen Zuschauer hat, wie zuletzt „Deutschland 83“, gilt sie als Flop.

          Wiedemann: Man muss die unterschiedlichen Geschäftsmodelle berücksichtigen. Für einen Free-TV-Anbieter wie RTL steht der Werbezeitenverkauf im Focus. Ihm geht es also eher um die Reichweite des individuellen Programms. Für einen Abosender wie AMC, wo „Breaking Bad“ lief, oder einen Streaminganbieter wie Netflix steht die Zuschauerbindung im Focus. Es gibt eine Gesamtkalkulation, wo die Leuchtturmwirkung des Programms auf die Sendermarke eine viel größere Bedeutung hat. Für Netflix geht es nicht darum, wieviele Zuschauer die ein oder andere Folge von „House of Cards“ gesehen haben. Sondern darum, wie sich die Abozahlen durch die Serie verändern. Dazu kommt, dass diese neuen Anbieter natürlich unter einem Innovationszwang sind. Die können nicht auf den Markt gehen und sagen: Wir machen dasselbe wie die Free-TV-Anbieter.

          Eine „unglaublich deutsche Geschichte“ ist auch NSU-Trilogie, die Sie gemeinsam mit Gabriela Sperl verfilmt haben - und zwar für die ARD-Tochter Degeto. Die war sehr lange als Deutschlands größte Schnulzenfabrik bekannt. Ihr nächstes gemeinsames Großprojekt ist „1848“, eine Serie über die Märzrevolution. Will nicht einmal die Degeto mehr gemütliche Fernsehfilme machen?

          Berg: Dieses Image der Degeto stammt aus einer Zeit in der weder wir noch die jetzt Verantwortlichen bei der Degeto für die Degeto tätig waren. Da gab es lange einen relativ geschlossenen Zirkel an Menschen und Firmen, die für die Degeto gearbeitet haben. Mit Bettina Reitz und der aktuellen Chefin Christine Strobl kam da ein ganz anderer Ton rein. Wir erleben dort eine gesunde Balance zwischen Mut und Verantwortung.

          Eine immer wieder formulierte Regel für gutes Fernsehen heißt, den Autoren mehr Macht zu geben. Die deutschen Sender haben das in der Vergangenheit nicht immer gern getan. Verändert sich das auch gerade?

          Berg: Wenn ich mit dem Autor ein Kinobuch entwickle, ist das erstmal eine Sache zischen ihm und mir. Man hat sehr kurze Wege und ist sehr flexibel. Wenn man andere Partner am Tisch hat, gibt es immer Abstimmungsprozesse. Sender haben per se gewisse Bürokratien mit mehreren Ebenen. Da kann es passieren dass man mit einem Redakteur spricht, der hat einen vorgesetzten Redakteur, der hat wiederum einen Abteilungsleiter und darüber gibt es vielleicht auch noch einmal eineinhalb Ebenen. Wenn diese Wege zu kompliziert werden, ist das für Autoren frustrierend. Deswegen versuchen wir immer, für kurze Wege zu sorgen. Gerade komplexen Projekten kommt es zugute, wenn sich ein Autor richtig in ein Thema reinstürzt, wenn er an nichts anderes mehr denkt. Dann muss man auch als Produzent und Sender dafür sorgen, dass er da behütet ist und nicht acht Wochen auf ein Feedback warten muss. Filmemachen ist zwar immer auch eine Gemeinschaftsleistung, aber die folgt eben meist der genialen Vision eines kreativen Kopfes.

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Strenge Kontrollen: Teststation in Zhengzhou am 15. Januar

          Omikron in China : Post aus dem Ausland? Ab zum PCR-Test!

          Die chinesische Seuchenschutzbehörde ist in Erklärungsnot. Trotz strenger Maßnahmen gibt es immer wieder Corona-Ausbrüche. Die Schuld daran gibt sie dem üblichen Verdächtigen: dem Ausland.
          Pierin Vincenz im Februar 2015

          Schweizer Wirtschaftskrimi : Auf Spesen ins Striplokal

          Dem ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz drohen bis zu sechs Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Banker gewerbsmäßigen Betrug und Veruntreuung vor. In der Anklage geht es nicht nur um Ausflüge in Rotlichtbars.
          EZB-Präsidentin Lagarde

          EZB-Präsidentin : Lagarde: Wir haben die Inflation unterschätzt

          Die EZB-Präsidentin hebt beim Weltwirtschaftsforum hervor: Die Notenbank müsse jetzt zumindest offen bleiben für Änderungen des Inflationsausblicks. Von anderer Seite gibt es heftige Kritik.
          Friedrich Merz im Deutschen Bundestag

          Wahl des neuen Vorsitzenden : Wohin führt Merz die CDU?

          Im dritten Anlauf erreicht Friedrich Merz endlich sein Ziel: Am Samstag wird er Bundesvorsitzender der CDU. Bis zu den anstehenden Landtagswahlen muss er eine Richtung vorgeben. Aber welche?