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TV-Kritik „Game of Chefs“ : Tolldreiste Männer mit fliegenden Messern

  • -Aktualisiert am

Und hoch die Gloches: Christian Lohse, Christian Jürgens und Holger Bodendorf beurteilen die Kreationen der Kandidaten. Bild: Vox

Von Küchen-Castings scheinen die Sender nicht genug zu kriegen. Vox serviert den nächsten Gang: In „Game of Chefs“ hungern Kandidaten nach Lob vom Vorgesetzten. Ist das eine ausgekochte Strategie?

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          An Karneval, gleich hinter den Umzügen, waren sie wieder im Großeinsatz, die engagiertesten Saubermänner des Landes. Jeder hat seinen besonderen Trick: Manche fegen mit dem umgedrehten Besen, so dass die Borsten nach vorne zeigen, andere setzen die Füße gegen festgeklebte Kamellen ein. Und die Rocker unter den Straßenreinigern rücken mit dem Hochdruckreiniger an. Aber sind sie wirklich besser als Hauseigentümer, die ihre Gehsteige mit der Drahtbürste entmoosen?

          Fertig wäre doch eigentlich die nächste Talent-Casting-Show: „Deutschlands beste Besen“. Wir stellen uns das so vor: Eine Auswahl aus Profi- und Amateurschrubbern putzt sich die Finger wund an einem Fleckchen Asphalt (in Großaufnahmen: Kaugummi, verschwitzte Kandidatengesichter). Eine Jury, bestehend aus einer schwäbischen Hausfrau und zwei hohen Tieren aus dem Abfallbeseitigungsbusiness, vergibt Kehrbleche („Du hast die Putzpower-Energy einfach in dir, das sieht man“) oder verweigert dieselben („Mein Blech hab ich dir nicht gegeben, das muss ich so hart sagen“), wobei jedes Jurymitglied im weiteren Verlauf ein eigenes Team zusammenstellen und trainieren muss („Los, los, das muss sexy blitzen“). In späteren Runden kommen als „Challenges“ hochkarätige Verschmutzungen wie Berliner Schulhöfe oder eben Karnevalsaufmarschgebiete dran.

          Kesselschlacht zur Hauptsendezeit

          Aber warum sollte man sich die Mühe machen, nach neuen Themen für Talentshows zu suchen, wenn ohnehin niemand in der Lage ist, auch nur den geringsten Unterschied gegenüber all den bestehenden Trillionen von Talentshows festzustellen, die sich statt ums Kehren meist ums Nachsingen, Tanzen, Fortbewegen (auf einem Laufsteg) oder – besonders gern seit einigen Jahren – ums Kochen drehen. Der Kölner Kantinen-Sender Vox, der uns seit fast einem Jahrzehnt „Das perfekte Dinner“ respektive „Das perfekte Promi-Dinner“ vorsetzt, ohne dass man je davon satt geworden wäre, hat schon die nächste Brutzelshow zur Hauptsendezeit auf der Pfanne.

          „Game of Chefs“ heißt die Kesselschlacht, und die Regeln sind in etwa die oben aufgeführten, nur dass es statt Kehrblechen eben Küchenmesser gibt und die Jury aus drei Sterneköchen besteht, die bald als Teamführer gegeneinander antreten: Christian Jürgens (drei Sterne und damit der Chef-Chef), Christian Lohse (zwei Sterne, jüngst noch durch die Presse geisternd, weil er geschrieben hatte, dass Hummer am besten „lebend aufgeschnitten“ würden) sowie Holger Bodendorf (ein Stern und in seiner Bodenständigkeit das Pendant zur schwäbischen Hausfrau).

          Fastfood statt origineller Rezepte

          Die Menüfolge von „Game of Chefs“ erinnert stark an „The Taste“ beim Konkurrenten Sat.1, wo seit gut einem Jahr ebenfalls von einigermaßen bekannten Köchen angeleitete Teams aus Amateuren und Profis gegeneinander anschmoren. Originelle Rezepte hat keine der Sendungen zu bieten, denn wie sich große Fastfood-Ketten epidemieartig über den Globus verbreitet haben, so auch die Kochformate: „Das perfekte Dinner“ ist eine Adaption von „Come Dine with Me“ des britischen Senders Channel 4; „The Taste“ verschmilzt Sendungen wie „Top Chef“ und „The Voice“ und wurde erstmals in den Vereinigten Staaten auf ABC ausgestrahlt. „Game of Chefs“ wiederum ist ein israelisches Format, das auf dem Sender Reshet gerade in die zweite Staffel geht.

          Offiziell gibt es eine Moderatorin in „Game of Chefs“, ein blondes Ereignis namens Silvia Schneider, ihres Zeichens Lebensgefährtin von Jodelprinz Andreas Gabalier. In der Show taucht sie jedoch nur am Rande auf, in kurzen Einspielern, die das Eintreffen der Kandidaten zeigen. Der Zuschauer wird sie vermutlich für eine Praktikantin halten, die den Teilnehmern den Weg zeigt. Die Sendung selbst besteht aus einer Reihe fester Einstellungen: Es gibt den Zeitraffer-Blick auf die Küchenzeile mit Pseudo-Uhr (alle Kandidaten werden auf die Sekunde nach genau einer Stunde fertig), es gibt die allfällige Beichtstuhl-Einzelinterview-Situation („Ich möchte weinen, ich möchte nach Hause, ich möchte hier raus“), die während der Verköstigung hinter einer Tür tatsächlich oder gespielt aufgeregten Kandidaten und natürlich vor allem die schmatzenden, witzelnden und Messer verteilenden Juroren.

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