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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Ein Königreich zerbricht

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger Bild: WDR

Brexit-Chaos auf der Insel und im Studio: Die Diskussion bei Sandra Maischberger ging ungefähr so durcheinander wie die Debatten im Unterhaus.

          Die Unterhaus-Debatten am Dienstag und am Mittwoch waren eine Lehrstunde parlamentarischer Intelligenz und Schwäche. Ja, es stimmt, dass die Entscheidungen der vergangenen beiden Monate immer nur bekundeten, was man nicht will. Dem steht unter der Führung von Theresa May eine Regierung gegenüber, die nicht von ihrem Plan abrückt und ihn demnächst zum dritten Mal zur Abstimmung stellt, ohne dass das Parlament einen Umzugswagen nach Downing Street schickt.

          May erklärt die Ergebnisse der Verhandlungen mit der Europäischen Union für alternativlos, muss sich aber zugleich von ihrem Justizminister anhören, dass ihre Zusicherungen zum Backstop keineswegs so bindend seien, wie sie das gegenüber den eigenen Leuten behauptet.
          Obschon sie zum wiederholten Male mit eigenen Vorlagen krachend gescheitert ist, findet sich niemand dazu bereit, sie zu stürzen. Sie ist zu einer Gefangenen der eigenen Politik geworden. So eine Schuldige hat man schon lange nicht mehr auf offener Bühne erlebt. Und genau in dieser Funktion hält man sie, weil in der Stunde Null des vollendeten Brexits ein Schuldiger gebraucht wird.

          Immer wieder berührend war es, wie in der dritten Reihe der Tories der Father of the House saß, der Alterspräsident des Unterhauses Kenneth Clarke, der dem Haus seit 1970 angehört. Stundenlang hört er den Debatten der Hinterbänkler zu. Am Mittwoch plädierte er für den Verbleib in der Zollunion und dem Binnenmarkt und will den Brexit auf den Ausstieg aus der politischen Union begrenzen. Er hat das Ausmaß des wechselseitigen politischen Unverständnisses verstanden und will den möglichen Schaden begrenzen.

          Im Kontrast zu diesem Realismus wirken die jüngsten Vorstöße der Premierministerin wie die Manöver eines Hütchenspielers, als wollte sie das Drehbuch für den Film Casablanca als Blaupause für ein Schmugglerparadies zum Nachteil der EU nutzen. Wer in den jüngsten Debatten des Unterhauses die Abgeordneten aus Nordirland und aus Schottland hörte, bekam einen Eindruck davon, wie fragil das Vereinigte Königreich im Fall eines vertragslosen EU-Austritts sein wird. Man kann die Stoppuhr stellen, wie lange es im Falle eines harten Brexits dauert, bis Iren und Schotten Unabhängigkeitsreferenden ansetzen.

          Hugenotten lassen grüßen

          Vollkommen unklar bleibt, wozu eine Verlängerung genutzt werden soll. Die EU wird den Vertragsentwurf nicht wieder aufschnüren, Frau May auch nicht. Sie wird ihn zum dritten Mal zur Abstimmung stellen und setzt auf wachsenden Druck. Sie übersieht in Kauf genommene Nebenwirkungen ihres Krisenmanagements. Wenn die deutsche Industrie Leute für 1,5 Millionen offene Stellen sucht, wer wollte einen Exodus aus UK aufhalten? Aus der Ferne erinnert man sich an die Hugenotten und könnte daher die aktuellen britischen Konflikte als nicht erklärten Religionskrieg interpretieren.

          Frau Maischberger wollte an diesem Abend eigentlich über Karnevalswitze diskutieren. Keine gute Idee für die Fastenzeit. Mit Anja Kohl, Rolf-Dieter Krause und Jean Asselborn hatte sie kurzfristig umdisponiert und das politisch brennendere Thema, etwas holperig, ins Programm genommen.

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