https://www.faz.net/-gqz-9flbv

TV-Kritik: Sandra Maischberger : Die neue Grausamkeit des Wählers

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Sandra Maischberger im Gespräch mit SPD-Politiker Rudolf Dreßler Bild: ARD

Sandra Maischberger hat gestern den Niedergang der Volksparteien untersucht. Ein Grund: Die Wähler werden taktischer – und so gilt SPD neuerdings als verschenkte Stimme.

          4 Min.

          In den meisten Talkshows gibt es einen Moment der Erkenntnis. Den bot gestern Abend Jessica Libbertz. Die in München lebende Sport-Moderatorin erläuterte ihre von taktischen Motiven geprägte Wahlentscheidung vom vergangenen Sonntag. Grundsätzlich stände sie den Sozialdemokraten schon wegen ihres familiären Hintergrundes durchaus aufgeschlossen gegenüber. Aber bei dieser Landtagswahl wollte sie „ihre Stimme nicht verschenken“ und ein Zeichen gegen rechts setzen.

          Damit erklärte sie vieles von dem, was ansonsten die Wahlforscher den politisch interessierten Zuschauer mühsam zu erklären versuchen. Die parteipolitischen Bindungen haben nachgelassen, so geben taktische Überlegungen zunehmend den Ausschlag. Zudem fällen Wähler ihre Entscheidungen immer später, womit der Wahlausgang für Demoskopen schlechter prognostizierbar wird. Außerdem wurde am Beispiel von Frau Libbertz deutlich, was Wähler motiviert: eine starke gesellschaftliche Polarisierung mit klaren Alternativen. In diesem Fall zwischen AfD und Grünen. Zusammen kamen beide Parteien auf knapp achtundzwanzig Prozent.

          „Gute-Laune-Wahlkampf“

          Für die SPD ist es allerdings ernüchternd, neuerdings als verschenkte Stimme zu gelten. Sie wäre damit auf der Bedeutung einer Splitterpartei geschrumpft. Der frühere SPD-Sozialpolitiker Rudolf Dreßler wies zudem auf die ländlichen Wahlkreise in Bayern hin, wo seine Partei schon mit der Fünf-Prozent-Hürde zu kämpfen hat. So ging es in dieser Sendung um das Interregnum zwischen dieser Bayernwahl und der in Hessen am übernächsten Sonntag. Sie brachte recht gut die politische Konfusion zum Ausdruck, die überall zu spüren ist. Union und SPD kämpfen jeweils um ihre Zukunft. Die Grünen haben dagegen das politische Momentum auf ihrer Seite. Dafür suchten Frau Maischbergers Gäste ihre Gründe.

          Sigmund Gottlieb verwies auf deren überzeugendes Führungspersonal in Bund und Land. Der Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen nannte deren inhaltliche Positionierung etwa in der Klimapolitik, die noch so etwas wie Gestaltungswillen verrät. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor brachte das alles gut auf den Punkt: die Grünen hätten einen „gute-Laune-Wahlkampf“ gemacht. Sie vermittelten jene Leidenschaft und Optimismus, den wohl nicht nur Gottlieb als früherer Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks bei CSU und Bayern-SPD vermisste.

          So lieferte die Diskussion über das Führungspersonal der anderen das Kontrastprogramm. Horst Seehofer galt bei allen als hoffnungsloser Fall, um das höflicher auszudrücken als in der Sendung. Über das Führungspersonal der SPD in Bayern und im Bund fand Gottlieb ebenfalls wenig schmeichelhafte Worte. So hielt er die SPD-Bundesvorsitzende Andrea Nahles für die schlechteste Personalentscheidung seit Jahrzehnten. Sie wäre intellektuell und als Führungskraft überfordert.

          Nahles ist übrigens erst seit April im Amt. Außerdem sind gewisse Zweifel erlaubt, ob Annalena Baerbock als Bundesvorsitzende der Grünen bisher durch intellektuelle Glanzleistungen aufgefallen ist. Glaubt jemand ernsthaft, ohne Seehofer wäre der Spagat der CSU zwischen AfD und Merkel-CDU geringer ausgefallen? Außerdem war die Ablehnung einer weiteren CSU-Alleinherrschaft in der bayerischen Wählerschaft zu spüren. Das wurde nur durch die Dominanz der Bundespolitik überlagert. Daran hätte selbst ein CSU-Vorsitzender nichts geändert, der mehr den Wünschen von Spiegel-Redakteure oder des Kanzleramts entsprochen hätte. Oder hätte sich Frau Libbertz für die SPD entschieden, wenn statt der gescheiterten Spitzenkandidatin eine andere mit dem sagenumworbenen „Charisma“ angetreten wäre? Solchen Analysen fehlt jede empirische Evidenz.

          Das ließ sich gut an der Diskussion über das Schicksal der Sozialdemokraten verfolgen. Für Feldenkirchen hatte ihr „die Agenda 2010 das Genick gebrochen.“ Seltsamerweise hinderte das aber am vergangenen Sonntag nicht hunderttausend frühere SPD-Wähler daran, die CSU zu wählen. Die hatten nur mit dieser Agenda 2010 nie ein Problem. Die Linke ist die unbezweifelbare Alternative für die von Gerhard Schröder immer noch enttäuschten Wähler. Sie erreichte gerade einmal drei Prozent, kaum mehr als die Separatisten der altehrwürdigen Bayernpartei. Es wählten sogar mehr Arbeiter die schon immer neoliberal grundierten Grünen als die Sozialdemokraten. Sie hatten Schröders Reformen in der damaligen Koalition maßgeblich unterstützt. In Wirklichkeit ist das alles für heutige Wahlentscheidungen so relevant, wie der Separatismus in der bayerischen Arbeiterschaft.

          Feldenkirchen sprach bei den Sozialdemokraten vom „Leiden an sich selbst.“ Das saß mit Rudolf Dreßler neben ihm. Er wurde vor zwanzig Jahren von Gerhard Schröder nicht zum Bundesarbeitsminister berufen, sondern an seiner Stelle der wegen einer verunglückten Privatvorsorge bekannt gewordene Walter Riester. Wer Seehofer persönliche Motive für sein politisches Handeln unterstellt, könnte bei Dreßler ebenfalls fündig werden. Jenseits dessen dokumentierte er den selbstreferentiellen Aberwitz in der SPD. Sie dreht sich jetzt schon seit fünfzehn Jahren in einer Dauerschleife um sich selbst. Ohne zu bemerken, dass es schon längst kaum noch einen Wähler interessiert. Und die es immer noch beschäftigt, werden nicht mehr zur SPD zurückkehren. Das könnte nicht einmal Gerhard Schröder ändern, wenn er in Canossa bei August Bebel persönlich Abbitte leistete. Ob der im Jahr 1913 gestorbene Urvater der Sozialdemokratie noch ansprechbar wäre, ist aber zu bezweifeln.

          Amthors Ringen um eine Antwort

          So wird das Ende der Großen Koalition zum Sehnsuchtsort für Sozialdemokraten, wie Italien in den 1950er Jahren als Urlaubsort im Wirtschaftswunderland. Der Kabarettist Florian Schroeder forderte den sofortigen Austritt aus dieser Koalition, damit sich die SPD erneuern könnte. Immerhin machte Feldenkirchen diesen Sehnsuchtsort konkreter. Offenbar hält er es für sinnvoll, die gerade einmal seit sechs Monaten amtierende Parteivorsitzende auszutauschen. Die Sozialdemokraten könnten anschließend eine Art Wettbewerb um die Nachfolge starten, so Feldenkrichen, wo sich lauter heute noch unbekannte Kandidaten mit hinreißenden Gesellschaftsentwürfen um die Nachfolge bewerben. Nichts davon würde funktionieren, weil Politik immer noch nichts anderes als das mühsame Bohren dicker Bretter ist. In Hessen bedeutet das etwa die Rodung von Märchenwäldern, um Windkraftanlagen zu errichten. Die Grünen sind halt auch nicht aus anderem Holz geschnitzt als ihre politische Konkurrenz.

          So fragte ausgerechnet der CDU-Politiker Amthor, ob es wirklich eine gute Idee von Sozialdemokraten ist, ihre eigene Politik andauernd zu dementieren. Die Grünen machen das schließlich beim Raubbau im Märchenwald auch nicht, so könnte man hinzufügen. Dafür machte Schroeder eine kluge Anmerkung über die Konfusion in der Berliner Politik. Er forderte nicht nur den Austritt der SPD aus der Koalition. Er hielt es zugleich für „schön und ehrenwert“, wenn die Kanzlerin ihre Amtszeit zu einem guten Abschluss bringen will. Damit meinte er die ihre Amtszeit unbeabsichtigt prägende Flüchtlingspolitik. Das könnte allerdings am Sehnsuchtsort der SPD scheitern.

          Anschließend diskutierte man noch darüber, was nach der Hessenwahl alles passieren könnte. Solche Szenarien schließen nichts mehr aus. Bemerkenswert war Amthors langes Ringen um eine Antwort, als es um eine mögliche Übergangskanzlerschaft von Wolfgang Schäuble ging. Womit die Zuschauer wieder am Anfang der Sendung angekommen waren. Solche taktischen Überlegungen über die Zukunft der Kanzlerin, der SPD-Vorsitzenden und ihrer beider Koalition werden für die Wahlentscheidung in Hessen eine Rolle spielen. Der Wähler ist dabei unberechenbar. Insofern müssen wir mit Demut seine Kalküle und deren Ergebnis abwarten. Das ist zweifellos die wichtigste Erkenntnis aus dieser Sendung.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Angefasst und ausprobiert : Das kann das Motorola Razr

          Wer das neue Motorola Razr in die Hand bekommt, reißt erst einmal die Klappe auf und sucht wie bei anderen faltbaren Smartphones die Falte in der Mitte. Wir haben aber auch noch anderes ausprobiert.

          Buttigieg in Iowa vorn : Suche nach der Mitte

          Pete Buttigieg liegt in den Umfragen zur demokratischen Vorwahl in Iowa erstmals vorn. Ist er der Hoffnungsträger für die Zentristen oder nur der Aufreger des Monats? In jedem Fall verfügt er über ein gut gefülltes Konto.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.