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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Die neue Grausamkeit des Wählers

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Das ließ sich gut an der Diskussion über das Schicksal der Sozialdemokraten verfolgen. Für Feldenkirchen hatte ihr „die Agenda 2010 das Genick gebrochen.“ Seltsamerweise hinderte das aber am vergangenen Sonntag nicht hunderttausend frühere SPD-Wähler daran, die CSU zu wählen. Die hatten nur mit dieser Agenda 2010 nie ein Problem. Die Linke ist die unbezweifelbare Alternative für die von Gerhard Schröder immer noch enttäuschten Wähler. Sie erreichte gerade einmal drei Prozent, kaum mehr als die Separatisten der altehrwürdigen Bayernpartei. Es wählten sogar mehr Arbeiter die schon immer neoliberal grundierten Grünen als die Sozialdemokraten. Sie hatten Schröders Reformen in der damaligen Koalition maßgeblich unterstützt. In Wirklichkeit ist das alles für heutige Wahlentscheidungen so relevant, wie der Separatismus in der bayerischen Arbeiterschaft.

Feldenkirchen sprach bei den Sozialdemokraten vom „Leiden an sich selbst.“ Das saß mit Rudolf Dreßler neben ihm. Er wurde vor zwanzig Jahren von Gerhard Schröder nicht zum Bundesarbeitsminister berufen, sondern an seiner Stelle der wegen einer verunglückten Privatvorsorge bekannt gewordene Walter Riester. Wer Seehofer persönliche Motive für sein politisches Handeln unterstellt, könnte bei Dreßler ebenfalls fündig werden. Jenseits dessen dokumentierte er den selbstreferentiellen Aberwitz in der SPD. Sie dreht sich jetzt schon seit fünfzehn Jahren in einer Dauerschleife um sich selbst. Ohne zu bemerken, dass es schon längst kaum noch einen Wähler interessiert. Und die es immer noch beschäftigt, werden nicht mehr zur SPD zurückkehren. Das könnte nicht einmal Gerhard Schröder ändern, wenn er in Canossa bei August Bebel persönlich Abbitte leistete. Ob der im Jahr 1913 gestorbene Urvater der Sozialdemokratie noch ansprechbar wäre, ist aber zu bezweifeln.

Amthors Ringen um eine Antwort

So wird das Ende der Großen Koalition zum Sehnsuchtsort für Sozialdemokraten, wie Italien in den 1950er Jahren als Urlaubsort im Wirtschaftswunderland. Der Kabarettist Florian Schroeder forderte den sofortigen Austritt aus dieser Koalition, damit sich die SPD erneuern könnte. Immerhin machte Feldenkirchen diesen Sehnsuchtsort konkreter. Offenbar hält er es für sinnvoll, die gerade einmal seit sechs Monaten amtierende Parteivorsitzende auszutauschen. Die Sozialdemokraten könnten anschließend eine Art Wettbewerb um die Nachfolge starten, so Feldenkrichen, wo sich lauter heute noch unbekannte Kandidaten mit hinreißenden Gesellschaftsentwürfen um die Nachfolge bewerben. Nichts davon würde funktionieren, weil Politik immer noch nichts anderes als das mühsame Bohren dicker Bretter ist. In Hessen bedeutet das etwa die Rodung von Märchenwäldern, um Windkraftanlagen zu errichten. Die Grünen sind halt auch nicht aus anderem Holz geschnitzt als ihre politische Konkurrenz.

So fragte ausgerechnet der CDU-Politiker Amthor, ob es wirklich eine gute Idee von Sozialdemokraten ist, ihre eigene Politik andauernd zu dementieren. Die Grünen machen das schließlich beim Raubbau im Märchenwald auch nicht, so könnte man hinzufügen. Dafür machte Schroeder eine kluge Anmerkung über die Konfusion in der Berliner Politik. Er forderte nicht nur den Austritt der SPD aus der Koalition. Er hielt es zugleich für „schön und ehrenwert“, wenn die Kanzlerin ihre Amtszeit zu einem guten Abschluss bringen will. Damit meinte er die ihre Amtszeit unbeabsichtigt prägende Flüchtlingspolitik. Das könnte allerdings am Sehnsuchtsort der SPD scheitern.

Anschließend diskutierte man noch darüber, was nach der Hessenwahl alles passieren könnte. Solche Szenarien schließen nichts mehr aus. Bemerkenswert war Amthors langes Ringen um eine Antwort, als es um eine mögliche Übergangskanzlerschaft von Wolfgang Schäuble ging. Womit die Zuschauer wieder am Anfang der Sendung angekommen waren. Solche taktischen Überlegungen über die Zukunft der Kanzlerin, der SPD-Vorsitzenden und ihrer beider Koalition werden für die Wahlentscheidung in Hessen eine Rolle spielen. Der Wähler ist dabei unberechenbar. Insofern müssen wir mit Demut seine Kalküle und deren Ergebnis abwarten. Das ist zweifellos die wichtigste Erkenntnis aus dieser Sendung.

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