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TV-Kritik: Maybrit Illner : Dystopie trifft auf Pragmatismus

  • -Aktualisiert am

Bei der aktuellen Sendung von „Maybritt Illner“ diskutierten die Gäste unter anderem um die wirtschaftlichen Kosten des Klimaschutzes. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

In Davos war der Klimawandel das große Thema, wenn auch nicht bei jedem Teilnehmer. Woran die deutsche Debatte krankt, erfuhren die Zuschauer in dieser Sendung.

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          In früheren Zeiten gab es den Begriff der Milchmädchenrechnung. Der Duden definiert sie als eine auf „Trugschlüssen beruhende Rechnung.“ Nun mag der Begriff heute in doppelter Hinsicht als problematisch erscheinen. Zum einen könnte er als Frauenfeindlich definiert werden, weil schließlich auch manche Männer nicht rechnen können. Zum anderen ist die Milch selber schon klimapolitisch unter Beschuss geraten. Müde Männer macht sie nicht mehr munter, Talkshows wahrscheinlich auch nicht. So hätte ein Glas Milch dieser Sendung kaum geholfen, um Milchmädchenrechnungen zu vermeiden.

          Es ging um „Grüne Wirtschaft, rote Zahlen – Klima gerettet, Jobs weg?“ Anlass war das Weltwirtschaftsforum in Davos. Der Bestseller-Autor Frank Schätzing nannte es eine „PR-Veranstaltung, wo die Leute aneinander vorbeireden“ und „auf die ich auch verzichten könnte.“ Dabei ging es dort um die Klimapolitik, über die „wir vor einem Jahr gar nicht geredet haben.“ Mit „wir“ ist Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) als einer der regelmäßigen Teilnehmer des Weltwirtschaftsforum gemeint. Er formulierte das als Kompliment an die Klimaaktivistin Carla Reemtsma, um deren Erfolg in der öffentlichen Meinungsbildung zu charakterisieren. Die Münsteraner Politikstudentin ist neben Luisa Neubauer zu einer der führenden Repräsentanten von „Fridays for future“ geworden.

          So durfte Frau Reemtsma in einer Eingangsrunde mit Arndt Günter Kirchhoff diskutieren. Sein Unternehmen ist ein bedeutender Automobilzulieferer und er repräsentierte die wichtigsten deutschen Industrieverbände. Es traf der klassische deutsche Verbändestaat auf die gegenwärtige Form politischer Meinungsbildung ohne klare Strukturen, dafür mit durchschlagender Medienwirkung. In diesem Gespräch wurde deutlich, warum diese junge Aktivistinnen auch ohne demokratisches Mandat eine solche Wirkung entfalten. Sie kontrastieren die eigenen Erwartungen mit der praktischen Umsetzung. Kirchhoff konnte noch so oft die gemeinsamen Ziele betonen, oder auf die schon erzielten Fortschritte im Transformationsprozess hinweisen. Es reichte nie aus, weil immer zu wenig und viel zu langsam in der Umsetzung.

          Auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier nahm an der Diskussion teil. Er hat selber oft das Weltwirtschaftsforum in Davos besucht.

          Warum das so ist, machte Schätzing deutlich. Er schilderte jene klimapolitische Dystopie, die beim Erreichen eines physikalischen Kipppunktes das Ende eines für Menschen bewohnbaren Planeten befürchtet. Nun lässt sich dieser Punkt zwar nicht mit einem Datum bestimmen, aber dagegen steht Kirchhoffs Pragmatismus auf verlorenem Posten. Deshalb widersprachen Kirchhoff und Altmaier auch nicht der These Schätzings, wir müssten Klimaneutralität schon im Jahr 2040 erreichen. Dabei ist das Ziel 2050 schon mehr als ambitioniert. An diesem Punkt begann die Milchmädchenrechnung. So ging es unter anderem um die australische Kohleförderung und die Aufträge an Siemens zur Erschließung neuer Bergwerke. Schätzing holte am Beispiel des fünften Kontinents zum großen Rundumschlag gegen die finstere Kohlenlobby und ihre publizistischen Helfershelfer aus.

          Die katastrophalen Buschbrände hat zwar jeder mitbekommen. Nur was Schätzing entweder nicht wusste, oder vergaß zu sagen, sind die ökonomischen Fakten: Allein China ist fast für die Hälfte der weltweiten Steinkohleproduktion verantwortlich. Australiens Förderung liegt auf dem Niveau von Indonesien, ist aber der größte Steinkohleexporteur. Diese gehen zum größten Teil nach Südostasien, etwa Japan und Südkorea. Dort finden sich auch längst die größten Stahlproduzenten der Welt. Europa ist hier nicht mehr von Bedeutung. Wenn Schätzing mit seiner These vom Kipppunkt somit recht hat, müsste er sich einen anderen Adressaten für seine Warnung suchen. Ansonsten wirkt es ungewollt komisch über eine australische Jahresförderung von 400 Millionen Tonnen zu reden, aber die 4,5 Milliarden Tonnen in China, Indien und Indonesien zu ignorieren.

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