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TV-Kritik: Maybrit Illner : Dystopie trifft auf Pragmatismus

  • -Aktualisiert am

„Disruptive Sprunginnovationen“

So erlebten die Zuschauer jenen Mythos westlicher Hegemonie, der einst diesen Planeten dominiert hatte. Es ist die gegenwärtige Spielart des Eurozentrismus, der in solchen Milchmädchenrechnungen zum Ausdruck kommt. Diese gab es allerdings auch in der Debatte über die sehr deutsche Energiewende. So sprach Frau Reemtsma von den Subventionen für fossile Energien. Die gibt es aber nicht, weil der Weltmarkt die Preisfindung bestimmt. Es gibt lediglich unterschiedliche Steuersätze auf den Verbrauch solcher Energieträger. Weder Kirchhoff, noch Altmaier sahen sich in der Lage, dieses Scheinargument zu widerlegen. Ansonsten wären übrigens auch die jährlichen Subventionen in Höhe von 30 Milliarden Euro für die regenerativen Energien überflüssig. Diese zahlt nur nicht der Staat aus seinem Steueraufkommen, sondern der Stromkunde. Immerhin versuchte die frühere grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae diesen Aspekt nicht völlig zu ignorieren. In ihrer neuen Funktion als Cheflobbyistin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft ist der Subventionsabbau sicherlich auch nicht das, was die Mitgliedsfirmen von ihr erwarten.

Dafür warb Frau Andreae für mehr positive Erzählungen über die Energiewende. Dazu gehörte der Ausbau der Windenergie, wo sie „Planungssicherheit“ für die Hersteller anmahnte. Allerdings haben sich diese bisher als Hoflieferanten der deutschen Energiewende verstanden. Die internationale Ausrichtung ist gescheitert, obwohl auch gestern Abend wieder einmal auf den Vorbildcharakter der deutschen Energiepolitik hingewiesen wurde. Warum sich das nicht in entsprechende Exportquoten ausdrückt, wurde leider nicht angesprochen. Das galt in gleicher Weise für die Kritik von Frau Reemtsma an der vermeintlichen Ungleichbehandlung zwischen den Mitarbeitern im Braunkohletagebau und denen in anderen Branchen. Tatsächlich ist die Stilllegung der Kohleverstromung eine politische Entscheidung, aus betriebswirtschaftlicher Perspektive könnten sie weiterarbeiten. Dafür werden sie entschädigt. Wenn Energieträger wie Wind und Sonne rentabler wären als die fossile Konkurrenz, käme niemand auf die Idee zu solchen Entschädigungszahlungen. So fehlt der Energiewende immer noch der ökonomische Unterbau. Dann half es auch nicht, wenn ihr Frau Andreae nach bald neun Jahren Vollzug schöne Etiketten wie „disruptive Sprunginnovationen“ zu verpassen versuchte. Das Auto setzte sich nicht durch, weil es solche netten Aufkleber bekam. Es reichte, die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen besser zu befriedigen als das Pferd.

„Das ist Demokratie“

Kirchhoff als Lobbyist der deutschen Arbeitgeberverbände sprach deshalb wohl auch lieber über die Mängel beim Ausbau der Infrastruktur. Altmaier musste dagegen Frau Reemtsma erklären, warum es nicht so einfach sei, gleichzeitig aus der Atomenergie und der Kohleverstromung auszusteigen. Bei einem black out könnte es Legitimationsprobleme geben, wenn „der Strom nicht mehr aus der Steckdose kommt.“ Außerdem machte die junge Aktivistin interessante Aussagen über ihr Demokratieverständnis, etwa was die Proteste gegen das Aufstellen weiterer Windräder betraf. Diese Rücksichtnahme des Staates konnte sie nicht verstehen. Warum soll aber eine nur für sich selbst sprechende Medienaktivistin eine größere Legitimation zum politischen Protest haben, als Menschen über die Zukunft ihres unmittelbaren Wohnumfeldes? Immerhin verwies Altmaier auf die Erfahrungen mit dem zivilgesellschaftlichen Engagement der Grünen. Jetzt müsse man damit leben, „dass sich Menschen zu Wort melden, die Ihnen vielleicht nicht ganz so genehm sind.“ Das sei „Demokratie.“ Das ausdrücklich erwähnen zu müssen, zeigte schon die Schieflage in unseren klimapolitischen Debatten.

So wiederholte diese Sendung zwar meistens nur das, was wir schon oft genug gehört hatten. Bemerkenswert war aber die Perspektive, die den alten Kontinent Europa immer noch für den Nabel der Welt zu halten scheint. Ansonsten zeigte sich die Unzulänglichkeit dystopischer Erwartungen für die Lösung praktischer Probleme. In China wurden allerdings in den vergangenen Tagen mehrere Millionenstädte mit der Einwohnerzahl Nordrhein-Westfalens unter Quarantäne gestellt, zudem die chinesischen Neujahrsfeiern wegen des Coronavirus abgesagt. Man ahnt, was die Welt in den kommenden Wochen beschäftigen könnte. Milchmädchenrechnungen werden wir uns bei dem Thema nicht leisten können.

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