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TV-Kritik „Masters of Sex“ : „Mad Men“ in der „Schwarzwaldklinik“

  • -Aktualisiert am

Lizzy Caplan as Virginia Johnson and Michael Sheen as Dr. William Masters Bild: Sunset Box/Allpix Press/laif

In „Masters of Sex“ dreht sich alles um das eine. Trotzdem wirkt die amerikanische Serie, die von zwei Sexualforschern handelt, seltsam unaufdringlich. Und das liegt nicht daran, dass sie in den Fünfzigern spielt.

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          Man glaubt es kaum, aber auch das prüde Amerika hatte einmal seine Libido-Befreier. Die Forscher William H. Masters und Virginia E. Johnson haben mit ihrer auf jahrelangen Laboruntersuchungen basierenden Studie „Human sexual response“ von 1967 zahlreiche Mythen wie die kategoriale Unterscheidung von klitoralem und vaginalem Höhepunkt beseitigt. Und weil sich gerade unter prüden Vorzeichen nichts so gut verkauft wie Sex, war zu erwarten, dass das Leben der beiden Sexualwissenschaftler ebenso frei verfilmt werden würde wie es schon mit den Biographien von Alfred Kinsey, Oswalt Kolle oder dem Vibratorerfinder Joseph Mortimer Granville geschehen ist.

          Dass daraus eine so ansehnliche Serie wie „Masters of Sex“ wurde, hat zu einem guten Teil mit dem Hauptdarsteller Michael Sheen zu tun, den man wohl für immer als besseren Tony Blair in Erinnerung behalten wird, den er in drei Filmen genial verkörpert hat. Auch dieser amerikanischen Produktion aus dem Hause Showtime verleiht er die nötige Portion „Britishness“. Der Vorspann mit seinen Erotikfilm-Anleihen führt daher bewusst in die Irre. Zwar leben viele Szenen von Nacktheit (Facebook würde die Bilder zensieren), von der Pointe und vom Maximalkontrast, doch stets stehen die glaubhaften Charaktere selbst im Vordergrund.

          Labor und Leben

          Sheen mimt einen äußerst verklemmten, sexuell fast inaktiven Gynäkologen, dem seine offenherzige Assistentin Virginia Johnson (eine phantastische Lizzy Caplan) und die noch viel direktere Prostituierte Betty (Annaleigh Ashford) die Grundlagen der weiblichen Sexualität erklären müssen. Die Entstehung eines hochkomplexen Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflechts zwischen den Figuren ist sehr viel spannender zu beobachten als alle dezent in Szene gesetzten Sexszenen, sei es unter Labor- oder unter Realbedingungen, wobei sich beides ohnehin zu überlagern beginnt. Angesichts der dramatischen Entwicklungen vergisst man auch manch zotigen Witz.

          Dass wir uns in den fünfziger Jahren befinden, merkt man am Interieur und an den leider überakzentuierten Nebenhandlungen, die um das eher zeitgenössisch wirkende Forscherpaar herum gruppiert sind: Masters bezaubernde Ehefrau Libby (Caitlin Fitzgerald) sieht sich als Versagerin, weil sie ihrem Mann kein Kind schenken kann; ein homosexuell veranlagter Vorgesetzter muss mit seiner Lebenslüge fertigwerden und seine Frau mit den Folgen derselben. Und auch die damals als skandalös geltende Studie des Wissenschaftlerpaars selbst ist immer wieder gefährdet.

          Viel Dekor der fünfziger Jahre

          Ein Sittenbild der amerikanischen Nachkriegszeit entsteht so noch nicht. Und auch das größte Entdeckerpathos oder die Überhöhung von Virginia Johnson zur Libido-Göttin kann nicht verhindern, dass sich mit der Zeit ein wenig Langeweile einstellt. Dermaßen kompliziert ist die Sexualität auf physischer Ebene dann doch nicht.

          Dass eine Serie, die in den fünfziger und sechziger Jahren spielt und an stilvoller Einrichtung nicht spart, flugs mit den „Mad Men“ verglichen wird, scheint unumgänglich. Ähnlichkeiten in der Handlungsführung – der rasche Aufstieg der Sekretärin zur zweiten Hauptfigur, die Ehe-Probleme des leicht autistisch wirkenden Protagonisten – sind offensichtlich. Doch der Vergleich ist dann doch zu hoch gegriffen. Während Matthew Weiners bahnbrechende Produktion den Plot opferte um vorzuführen, wie die Ästhetik der Oberfläche das Zeitalter der Geschichte unter sich begrub, ist „Masters of Sex“ bei aller Selbstreflexion eines voyeuristischen Mediums, die man in dieser Vermessung des Intimen erkennen mag, doch ein altbekanntes Format: Wie alle Liebesschnulzen lebt es von der Dauerfrage, wann sich der kauzige Professor und seine sexuell äußerst autonome Assistentin denn nun endlich kriegen. Und da lassen sich erstaunliche Zwischenstufen herbei dichten, die sich noch bis in die zweite Staffel erstrecken, die Sky schon vom 2. September an ausstrahlen wird.

          Emmy- und Golden Globe-Nominierung hin oder her: Wenn der herzensgute Doktor der schwarzen Patientin auf der Weißen-Station zu einem Kind verhilft, den Bitten einer gebeutelten russischen Mutter nachkommt, oder wenn er mit seinem Protegé und Gegenspieler Dr. Ethan Haas (Nicholas D’Agosto) seine OP-Saal-Scharmützel austrägt, dann hat die ansonsten so feinfühlige Geschichte auch etwas von Vorabend-Krankenhausserie und manchmal sogar – horribile dictu – einen Touch von „Schwarzwaldklinik“. Aber wenn man an einen hysterischen Schmarrn wie „Sex an the City“ denkt, ist man geradezu begeistert davon, dass „Masters of Sex“ beweist, wie charmant und ehrlich sich Sexualität in amerikanischen Serien doch darstellen lässt.

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