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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Urlaub im Operationssaal

  • -Aktualisiert am

Was bleibt vom Urlaub 2020? Die Gäste von Frank Plasberg (r.) diskutieren über den Sommer in der Pandemie. Bild: WDR/Dirk Borm

In der Tourismusbranche stehen viele Unternehmen kurz vor der Pleite. Das wird sich nicht mehr verhindern lassen – wenn man weiter der obskuren Idee anhängt, die Pandemie allein mit Mitteln des Ordnungsrechts zu bekämpfen.

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          Der Massentourismus ist eine vergleichsweise junge Erscheinung. Er markierte den Wandel der alten Industrie- zur modernen Dienstleistungsgesellschaft. Laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums erwirtschaftete die Branche im Jahr 2015 einen Umsatz in Höhe von 290 Milliarden Euro und beschäftigte 2,9 Millionen Menschen. Dazu kommen noch die Beiträge der deutschen Auslandstouristen zum Abbau unserer Leistungsbilanzüberschüsse. In der Dienstleistungsbilanz hatte der grenzüberschreitende Reiseverkehr im Jahr 2018 ein Defizit von mehr 43 Milliarden Euro ausgewiesen, so die Bundesbank in ihrem Bericht zur deutschen Zahlungsbilanz. Das sind nüchterne Zahlen, die die Bedeutung des Massentourismus für unsere Wertschöpfung und die europäische Stabilität ausdrücken.

          Leider wurden sie gestern Abend nicht genannt, wahrscheinlich um uns Zuschauer nicht zu verunsichern. Denn ein Kollaps dieser Branche hätte weitreichende Folgen: Die dort Beschäftigten müssten ihre Konsumausgaben reduzieren, aus Steuerzahlern würden Transferbezieher und schließlich müsste der Staat seine Ausgaben senken. Dann bräuchte wohl auch niemand mehr die Reiseexperten in den vom Steuerzahler subventionierten Verbraucherzentralen. So informierte uns Annabel Oelmann über die Komplexität des Reiserechts in bisher saturierten Wohlstandsgesellschaften. Sie sei „Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen“, so die Redaktion. Schlechtes Deutsch ist zweifellos ein Hobby, das wir uns weiter leisten könnten. Das ginge sogar mit reduzierten Rundfunkbeiträgen.

          „Man reißt uns den Boden weg“

          So war „Sommer, Sonne, Sicherheitsabstand: Was bleibt vom Urlaub 2020?“ ein gelungener Titel dieser Sendung, um die Unzulänglichkeiten unseres Umgangs mit der Pandemie auszudrücken. Dieser wird immer noch als bloße Komforteinbuße wahrgenommen, wo halt notfalls auch einmal auf einen Urlaub verzichtet werden kann. Der auf Mallorca lebende Schauspieler Uwe Ochsenknecht wies auf seine Erfahrungen als Angehöriger der Nachkriegsgeneration hin, die „mit dem Verzicht aufgewachsen“ sei. Der Inhaber eines Gastronomiebetriebes geriet aber mit diesem grundsätzlichen Bekenntnis in einen betriebswirtschaftlichen Widerspruch. Der Verzicht bedeutete die Pleite seines Ladens, somit Einkommensverluste. Wobei er wiederum deutlich machte, sich im letzten Drittel seines Lebens den erarbeiteten Wohlstand verdient zu haben. Verzicht bedeutete in Wirklichkeit, diesen Anspruch auf den Respekt vor einer Lebensleistung aufzugeben. Das wollen einige in der Theorie, aber niemand in der Praxis, wenn es ihn selber betreffen sollte.

          So kann sich Verzicht niemand mehr vorstellen, weil in den vergangenen siebzig Jahren lediglich nach einem persönlichen Schicksalsschlag verzichtet werden musste. Dieses fehlende Vorstellungsvermögen eines auf individuelle Selbstverwirklichung getrimmten Selbstverständnisses drückte sich bei der Reisekauffrau Meike Mouchtouris aus. Wer ihr zuhörte, hatte keinen Zweifel mehr an der Perspektivlosigkeit ihres Berufsstandes. Die eigentliche Aufgabe bestände in der Abarbeitung der zahllosen Stornierungen, die sicher geglaubte Einkommen aus dem vergangenen Jahr beträfen. Zugleich seien neue Buchungen die Ausnahme. Man „reißt uns den Boden weg“, so ihre Schlussfolgerung. Frau Mouchtouris wollte sich aber gleichzeitig nicht vorstellen, dass der administrativ verordnete Ruin ihr persönliches Schicksal zu sein hat: Auf diese Idee kommen auch nur sozialpolitisch überversorgte ARD-Kommentatoren in den „Tagesthemen“, die bisweilen über die grundlegende Veränderung von „Lebensstilen, Konsumverhalten und Wirtschaft“ räsonieren. Die Reisekauffrau aus Lohmar ist aber halt kein ARD-Chefredakteur namens Rainald Becker, sondern lebt in der Wirklichkeit. So appellierte sie an den anwesenden Tourismusbeauftragten der Bundesregierung für weitere Staatshilfen, um die Branche und sich selbst zu retten.

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          Der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium kündigte zwar weitere Maßnahmen für alle Sektoren in der Volkswirtschaft an, Thomas Bareiß (CDU) erwähnte auch die Möglichkeit einer staatlichen Garantie für „Rückbuchungen“ in der Tourismusbranche. Aber was war damit gemeint? Für Frau Mouchtouris änderte sich nichts, wenn der Staat nicht die Provisionen für die Reisevermittlung garantierte. Sollte er das praktizieren, hätten wir Zuschauer allerdings ein grandioses Geschäftsmodell in Aussicht: Wir buchen in den Reisebüros, um gefahrlos zurückzutreten. Anschließend teilen wir uns das so erzielte Einkommen mit dem Unternehmer, schließlich bezahlt der Staat. So hätte Deutschland einen Boom bei Buchungen, ohne dass jemand noch verreisen müsste. Für diese Form der Ökonomie gibt es durchaus historische Vorbilder: In den Planwirtschaften des verblichenen Ostblocks wurden lauter Dinge produziert, die nur auf dem Papier der Bürokraten existierten. Hier wurde das eigentliche Problem deutlich. Der Staat kann nicht die Übernahme unternehmerischer Risiken zu seiner Kernkompetenz machen. Vielmehr muss er nicht nur in der Tourismusindustrie verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, die unternehmerisches Handeln in einer seuchenpolitischen Notlage überhaupt erst ermöglichen.

          Gestern Abend bemühte sich Rolf Seelige-Steinhoff, eine solche Perspektive aufzuzeigen. Der Hotelier hat Häuser im höheren Preissegment auf Usedom und Mallorca. In einem Einspieler schilderte Frank Plasberg am Beispiel des Hotels auf Usedom, wie das Reisen ab sofort aussehen könnte. Seelige-Steinhoff hatte schon die passende Formulierung parat, um den Restriktionen einen gewissen Charme zu vermitteln. Er spreche „nicht mehr von negativen Merkmalen“, sondern von einem „veränderten Urlaub.“ Ob das jeden potentiellen Gast überzeugen konnte, bleibt abzuwarten. Zu Hause muss der Gast immerhin nicht mit Maske an seinen Frühstückstisch gehen, dafür muss er dort selber den Tisch decken. Zugleich erwähnte Seelige-Steinhoff die „täglich neuen Rahmenbedingungen“ der Politik. Das bezog sich auf die Obsession bei der Umsetzung der von den Ordnungs- und Gesundheitsämtern vorgegebenen Hygienevorschriften. Desinfizierung ist das Schlüsselwort, und macht vor nichts halt. Allerdings ist die Gefahr minimal, sich an einem gewaschenen Bademantel oder an der Fernbedienung des Fernsehgeräts anzustecken. Und wer macht schon Urlaub in einer sterilen Atmosphäre, die den Gast eher an einen Operationssaal als ein Hotel erinnert?

          Wohl weniger als sich die Hoteliers erhoffen. Dabei machte der Hallenser Virologe Alexander Kekule deutlich, wie die Infektionswege tatsächlich verlaufen. Das Risiko bestehe in geschlossenen Räumen ohne Möglichkeit zur Sicherstellung eines Mindestabstandes, und ohne Durchzug mit frischer Luft. Außerdem bei Menschenansammlungen, etwa in Hotels vor dem Buffet, in der Sauna oder in der Disco. Kekule lehnte zudem die in vielen Feriendomizilen obligatorische Kinderbetreuung ab. Die einstweilen gültigen Beschränkungen der Gästezahlen werden zudem für steigende Preise sorgen, was sicherlich Verständnis bei ARD-Chefredakteur Becker finden wird: Gebührenerhöhungen sind den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bekanntlich nicht fremd. Ob diese Restriktionen der Tourismusbranche den nötigen Aufschwung verleihen werden, weiß niemand. Frau Mouchtouris artikulierte ihre Zweifel für die Marktsegmente, die nicht den Angehörigen der besser situierten Kreise vorbehalten sind.

          Bürger als unmündige Kinder

          Solche verlässlichen Rahmenbedingungen ermöglichten es aber Anbietern und Kunden, Eigeninitiative zu entwickeln. Die Anbieter können sich kreative Lösungen überlegen, um den Widerspruch zwischen Urlaub und Gesundheitsschutz aufzulösen. Die Kunden, ob sie unter solchen Bedingungen überhaupt noch in den Urlaub fahren wollen. Das ist etwas anderes als dem Staat mit dem Ordnungsrecht die Entscheidung darüber zu überlassen, ob und wie jemand noch verreisen darf. Diese obskure Idee einer Allmacht des Staates bei der Pandemiebekämpfung war nicht zu übersehen: Der Staat hat die von ihm selbst erzeugten Erwartungen zu erfüllen.

          Das von Kekule beschriebene Risiko einer Öffnung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens wird deshalb nicht mehr als gesellschaftliche Aufgabe verstanden, sondern der Politik als allgegenwärtigen Vater Staat überantwortet. Der soll nicht nur die Infektionsraten senken, sondern neuerdings sogar den Zusammenbruch ganzer Wertschöpfungsketten kompensieren. Damit degradieren sich die Bürger zu unmündigen Kindern, die selbst eine Weltwirtschaftskrise als Komforteinbuße missverstehen, und sich gleichzeitig für die Pandemie als unzuständig empfinden. Am Ende glaubte wohl die Reisekauffrau Meike Mouchtouris aus Lohmar nicht mehr an dieses Ammenmärchen vom allmächtigen Staat. Den Zusammenbruch einer Branche mit 290 Milliarden Euro Umsatz kann nämlich niemand kompensieren: Noch nicht einmal dann, wenn der Staat Reisen finanzieren sollte, die gar nicht stattfinden.

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