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TV-Kritik: Günther Jauch : Gerechtigkeit kommt nie zu spät

Bild: Imago

In Lüneburg steht der 93 Jahre alte NS-Verbrecher Oskar Gröning vor Gericht. Jauch fragte seine Gäste: Ist der Angeklagte ein Greis, den man besser in Ruhe ließe, oder ein vermeintlicher Aufklärer, der über seine wahre Rolle täuscht?

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          Ein 93 Jahre alter Greis steht in Lüneburg vor Gericht für Taten, die er vor 71 Jahren in Ausschwitz begangen hat. Dem Lagerbuchhalter Oskar Gröning wird Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen vorgeworfen. Ende Juli soll das Urteil gesprochen werden. Bis dahin muss das Gericht klären, ob Gröning nur zu den Leuten gehörte, die die Mordmaschinerie ölten, oder ob er aktiv in sie verwickelt war.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie sinnvoll es ist, NS-Verbrecher heute noch vor Gericht zu stellen, und ob man es nur tut, weil die Tätergeneration am Aussterben ist und letzte Gelegenheiten gesucht werden, ihre Verbrechen öffentlichkeitswirksam zu inszenieren, darüber wurde am Sonntagabend bei „Günther Jauch“ diskutiert.

          Einer der letzten Prozesse

          Der Fall Oskar Gröning wird mit Sicherheit eines der letzten NS-Verbrechen sein, die vor Gericht verhandelt werden. Der Angeklagte kam mit Rollator in den Lüneburger Gerichtssaal, bis auf Hörprobleme verlief die Verhandlung beschwerdefrei. Nach dem bisherigen Verlauf ist nicht zu befürchten, dass der Prozess ein unwürdiges Gezerre um einen sterbenskranken Mann wird, wie es dem Prozess gegen den ukrainischen Lageraufseher John Demjanjuk vor vier Jahren vorgehalten worden war.

          Justizminister Heiko Maas ließ in der Sendung gleich zu Beginn wenig Zweifel am Sinn des Verfahrens. Maas verwies auf die Pflicht des Rechtsstaates, Mord nicht ungesühnt zu lassen und die Versäumnisse der Nachkriegsjustiz aufzuarbeiten, die siebzig Jahre lang sträflich wenig zur Verfolgung der nationalsozialistischen Verbrechen unternommen hatte. Es bestünde, so Maas, keine Gerechtigkeit darin, die Täter laufen zu lassen, nur weil so viele andere NS-Verbrechen ungesühnt blieben. Es ist kaum zu glauben, dass von den sechstausend NS-Lagermitarbeitern, wie ein eingespielter Trailer zeigte, bisher nur sechzig verurteilt worden sind.

          Nach Maas' Worten ist das späte Verfahren auch kein medienwirksamer Schauprozess, wie manche meinten, sondern die Konsequenz der erst durch den Demjanjuk-Prozess geschaffenen Möglichkeit, endlich auch Lagermitarbeiter zu verfolgen, die nicht durch konkrete Einzeltaten in die Vernichtungsaktionen involviert waren.

          Historiker sieht Prozess als Alibi-Veranstaltung

          Den schärfsten Widerspruch bekam Maas von Michael Wolffsohn. Der Münchner Historiker nannte den Prozess eine Alibi-Veranstaltung, die mit dem völlig utopischen Anspruch auftrete, den Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen – eine Unmöglichkeit angesichts der monströsen Untaten. Von der Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen musste sich Wolffsohn zu Recht fragen lassen, ob er es für gerechter hielte, ganz auf die Verfolgung von NS-Tätern zu verzichten, kein einziges Urteil komme schließlich an die Dimension des Verbrechens heran. Für die meisten der über fünfzig Ausschwitz-Überlebenden und ihrer Nachkommen, die in Lüneburg als Nebenkläger auftreten, ist es durchaus ein Beitrag zur Gerechtigkeit, wenn das Unrecht in einem öffentlichen Verfahren benannt wird.

          Dass die Verhandlung ungeahnte Einblicke in die NS-Tötungsmaschinerie geben wird, bezweifelte Wolffsohn aber wohl zu recht. Es fällt auch leicht, seiner Ansicht beizustimmen, dass die nationalsozialistischen Verbrechen auch ohne solche Prozesse nicht in Vergessenheit gerieten. Es geht in Lüneburg jedoch in erster Linie um die rechtliche und nicht um die historische Dimension des Geschehens.

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