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TV-Dokumentation zu Putin : Er kann Hochdeutsch und mehr

Auf einen Tee im Gefolge des Herrschers: Hubert Seipel und Wladimir Putin Bild: NDR

So ist er eben: eine Kämpfernatur und manchmal etwas undiplomatisch. Hubert Seipels Dokumentation „Ich, Putin“ zeichnet ein realistisches Bild des vermutlich nächsten russischen Präsidenten.

          2 Min.

          Mehrmals wird der Film untermalt mit der Titelmelodie der legendären Fernsehserie „Twin Peaks“ von David Lynch. Aber wer nun erwartet, dass, wie bei dem amerikanischen Regisseur, eine Holzfäller-Idylle mit ihrer unheimlichen Nachtseite dräut, sieht sich angenehm enttäuscht. Hubert Seipel verzichtet auf eine Dämonisierung des „Systems Putin“ und erntet dafür ein sowohl politisch wie psychologisch überzeugendes Porträt des Mannes ein, der vermutlich der nächste russische Präsident sein wird und in das Amt zurückkehren dürfte, das er schon von 2000 bis 2008 bekleidete.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Eine realistische Sicht auf den gegenwärtigen Ministerpräsidenten muss sich von den neunziger Jahren Rechenschaft ablegen, als sich sein Aufstieg vom Geheimdienst-Mann zu einer Größe im Kreml-Stab vollzog. Die Demokratisierung unter Boris Jelzin, die „Verwestlichung“ Russlands, hatte die Illusion gefördert, das Land könne in aller Zukunft keine anderen Interessen mehr haben als der Westen. In dem Maße aber, als die Nato näher an Russlands Grenzen rückte, musste eine Antwort gefunden werden. Jelzin war dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen, Putin erbte und löste sie. In sehr gutem Deutsch erklärt er seinem Interviewer, manche Menschen glaubten, er solle so sein wie der Westen. Aber: „Ich muss so sein, wie mein Volk es von mir erwartet.“

          Mit Sport zur Kämpfernatur

          Als die deutschen Journalisten ihm vorhalten, die Maßnahmen der Nato an ihrer Ostgrenze dienten ausschließlich der Abwehr möglicher iranischer Raketenangriffe, lacht er tief und lange. Dann sagt er: „Gott segne sie - ich fahre jetzt gut gelaunt nach Hause.“ Und er imitiert karikierend die Nato-Position: „Schaut uns in unsere ehrlichen Augen.“

          Zu den regelmäßig wiederkehrenden Beschwerden des Westens gehört die lange Haftstrafe, die Putins Gegner Michail Chodorkowski derzeit verbüßt. Der Film erinnert daran, dass in den neunziger Jahren die Oligarchen das Land „in Wildwestmanier plünderten“ und dass Chodorkowski nicht nur „dubiose Geschäfte“ machte, sondern auch große Teile seines Erdölkonzerns „Yukos“ an die amerikanische Firma Chevron verkaufen wollte. Dies war die zweite große Auseinandersetzung, die Putin prägte.

          Einen politischen Hintergrund des Prozesses gegen Chodorkowski weist Putin von sich: „Ein Dieb gehört ins Gefängnis - oder sind Sie anderer Meinung?“ Überhaupt kann er sehr undiplomatisch sein. Einen Kritiker seiner Tschetschenien-Politik herrscht er an: „Wollen Sie ein Islamist werden? Sie können sich beschneiden lassen. Sie können sich so beschneiden lassen, dass nichts übrig bleibt.“

          Ein harter Bursche, der dieses Männlichkeitsbild auch politisch einsetzt. Die Kämpfernatur Putins zeigt der Film an seinem Eishockey- und Judo-Training und beim Schwimmen im Hallenbad. Er sei in einer kommunalen Wohnsiedlung der Arbeiterklasse aufgewachsen, erklärt er - „da gab es keine Oligarchen und keine Funktionäre“. Dem Sport schreibt Putin seine Fähigkeit zu, alle Kraft für ein Ziel mobilisieren zu können.

          Es mag sein, dass es sich jetzt als Putins Fehler erweist, noch keinen Nachfolger aufgebaut zu haben; die Opposition ist fraglos stärker geworden. Sie demonstriert. Aber einen reellen Gegner hat er bei den kommenden Präsidentenwahlen wohl nicht. Ihm sei klar, dass er nicht der Mann der Facebook-Kampagnen sei, sagt der Film. Aber die Wahlen würden auf dem Land entschieden.

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